Der junge Mann setzt einen Fuss vor den anderen. Bedächtig und konzentriert, um ihn herum nichts als das Blau des Himmels. Weit unter ihm blinzeln hunderte Gesichter der Sonne entgegen, wie gebannt. Der junge Mann heisst Laurence Tremblay-Vu. Videoaufnahmen zeigen, wie er elegant auf einem Hochseil über Montreal tanzt. In wenigen Wochen wird sich eine ähnliche Szene in Basel abspielen. Nur ein paar Nummern grösser.

Tremblay-Vu will am Samstag, 12. Mai, ungesichert auf einem Hochseil über den Rhein balancieren. Für die 200-Meter-Strecke braucht er zwanzig Minuten. Zwanzig Minuten höchste Konzentration, 25 Meter über der Wasseroberfläche. Für den 32-Jährigen ist es die grösste Performance seiner Karriere. Sein Auftritt soll aber nicht wie eine Mutprobe oder ein Stunt wirken. Er will mit seiner tänzerischen Performance die Zuschauer in seinen Bann ziehen: «Alle schauen immer auf ihr Handy. Wenn sie mir zuschauen, blicken alle in die gleiche Richtung.»

Schiffe müssen Pause machen

Verantwortlich für den spektakulären Hochseilakt ist Nadja Hauser. Sie initiierte das Zirkusfestival «Young Stage». «Mit der Performance wollen wir Basel Danke sagen für die grosse Unterstützung in den vergangenen zehn Jahren», erklärt die Veranstalterin.

Das Dankeschön an die Stadt hat viel organisatorisches Geschick gefordert. Um die Bewilligung für den Anlass zu erhalten, mussten diverse Ämter miteinbezogen werden, von der Verkehrspolizei bis zur Stadtgärtnerei. Für die Dauer des Hochseillaufs stoppt sogar die Rheinschifffahrt. Im Januar trafen sich aus diesem Grund alle Betroffenen und Beteiligten
an einem «Runden Tisch». Dort konnten alle Bedürfnisse und Bedingungen geklärt werden.

Erfolgreiche Verhandlungen

Trotz der Grösse des Anlasses und der speziellen Bedingungen über dem Rhein seien die Gespräche sehr produktiv verlaufen. Hauser freut sich darüber, wie gut die Zusammenarbeit mit Polizei, Allmendverwaltung und allen involvierten Ämtern läuft. «Wir fühlen uns wirklich gut unterstützt von den Behörden.»

Es ist kein einfaches Unterfangen, ein 200 Meter langes und 200 Kilogramm schweres Seil über den Rhein zu spannen. Projektleiter Beat Läuchli erklärt, wie es funktioniert: «In der Nacht auf Samstag wird zuerst das Seil auf der Brücke ausgerollt. Dann werden die beiden Enden jeweils mit einem Motorboot zu den Kranen gebracht, die auf beiden Flussseiten postiert sind. Diese spannen das Seil dann an. Quer gespannte Seile sorgen dafür, dass das Hauptseil nicht schwankt.»

Laurence Tremblay-Vu hat keine klassische Zirkus-Karriere hinter sich. Als Kind und Jugendlicher kannte er die Manege nur als Zuschauer. Seine Karriere als Artist begann er erst, als er über 20 Jahre alt war. Zur Schweiz hat der Kanadier mit vietnamesischen Wurzeln eine besondere Beziehung. Nachdem er 2013 die Zirkusschule in Montreal abgeschlossen hatte, erhielt er den ersten Vertrag beim Zirkus Starlight in der Schweiz. «Nun habe ich die Chance, den Kreis zu schliessen», sagt der Seiltänzer.

Auf dem Hochseil fühlt sich Termblay-Vu «überraschend geerdet». Nach einigen kleineren Hochseilläufen ist eine Fluss-Überquerung nun sein nächster grosser Traum. Ein Traum, der in Basel erfüllt wird. Nur mit einem Balance-Stab gerüstet, wird er den Rhein überqueren. Dabei ist er absorbiert in einer eigenen Welt, wird «eins mit den Elementen der Natur». Die Zuschauer, die er verzaubern will, sieht er dabei nicht.