Die Basler Fasnacht ist ein Universum. Das ist kein Mythos – das ist eine Tatsache. Die Innenstadt ist während dreier Tage eine andere. Das übliche Bild der Häuserzeilen gebrochen durch Farben und bizarre Figuren. Die Strassen, Gassen, Berge ein einziger Resonanzkörper rhythmischen Klangs, der ohne Unterlass durch Mark und Bein dringt. Die einen fliehen dann aus der Stadt, sie spüren nichts dabei oder zu viel. Wer bleibt, wird Teil einer anderen Welt.

Kein Wunder, reden also manche davon, dass die Fasnacht eine Zone ist, ein wunderliches Reich zwischen der realen Welt und der Fantasie jedes einzelnen. Andere wiederum versuchen, die Fasnacht zu deuten, ihr Wesen als Anlass zu fassen, und sei es nur dadurch, die Basler Fasnacht ins Weltkulturerbe der Unesco aufnehmen zu lassen. Und dann gibt es die, die unter die Larven zu blicken versuchen. Hinter die grossartige Inszenierung, die sich wie eine Naturgewalt aus Tausenden von teilnehmenden Menschen formt, und die einem Regelwerk zu folgen scheint, das nirgends wirklich festgehalten ist.

Einer, der hinter die Larven blickt, ist der Filmemacher Nicolas Joray. Sein Film «Yschtoo zur Basler Fasnacht» feierte am vergangenen Sonntag im kult.kino Atelier Premiere. Die Vorstellung war ausgebucht. Ab heute Donnerstag bis zum Mittwoch, 6. Februar, läuft der Film im Mittagsprogramm. Er nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise, die für einmal nicht querschnittsartig von Morgestraich bis Ändstraich dauert, sondern von Ändstraich bis Ändstraich. Joray dokumentiert vielmehr die Entstehung der Fasnacht. Mit Schnitzelbängglern, Chaisen, Laternenmalern, Cliquen. Und -minu.

Yschtoo - der Trailer

Inszenierung, Sprache, Inhalt

Der 67-jährige Filmemacher aus Basel versteht es zu erzählen. Von der wunderbaren Volkskunst etwa, die da vorherrscht, und die sich wohl der hohen Künste bedienen kann. Aber stets so, dass der Mensch «uff dr Gass» sie noch verstehen kann. So war auch Jorays Zugang zur filmischen Umsetzung die Kunst: Sein Bruder Pascal, ein Laternenmaler, sei quasi der Türöffner gewesen, um die Dokumentation zu beginnen. Nach und nach fand er persönliche Zugänge zu den einzelnen Protagonisten. Doch wie es eben ist, und das sagt auch Joray: Die Fasnacht ist nicht nur Darstellung, also Bild und Inszenierung. Sie ist zu mindestens gleichen Teilen Inhalt, Wort, Sprache. «Ich wollte eigentlich gar nicht so einen langen Film machen», sagt Joray vergnügt. «Doch dann begannen die Menschen zu erzählen.» Und das Material wurde mehr, der Film intensiver. Ein ganzes Jahr lang.

Ein Thema ist die Veränderung, der ewige Fluss, in dem sich die Fasnacht befindet. So heisst es auch im Film. «Würde die Fasnacht aufhören, sich zu verändern, verkäme sie zu reiner Folklore», sagt ein Fasnächtler. Und das wolle niemand. Joray, Sohn der Basler Künstlerin und Grafikerin Rose-Marie Joray, und Teil einer Familie, die insgesamt ein Fasnachts-Jahrhundert überblickt, hat diese Veränderung über die Jahre gesehen. Obwohl er seit 1977 gar nicht mehr aktiv Fasnacht macht, zu weit weg war Joray durch seinen Beruf als Filmemacher und Kameramann. Lange lebte er in Berlin, jetzt in seiner Wahlheimat im Tessin.

Yschtoo - der Filmemacher

Von Räterepubliken und Regisseuren

Vielleicht sieht er gerade aufgrund dieser Distanz genauer, was anderen zuweilen entgeht: das soziale Gefüge, das sich trotz aller fasnächtlichen Gleichheit und Durchmischung immer noch manifestiert. Bemerkenswert die Ausprägungen: Da entscheidet etwa ein Stammverein, den Joray eher einer «Handwerker-Clique» zuordnen würde, wie eine Räterepublik über Sujet und Fasnachtsplanung. Und dann gibt es andere, bei denen sich Verantwortliche wie Regisseure geben, die streng konzipieren, leidenschaftlich vermitteln, gewissenhaft umsetzen.

Bei alledem sei bemerkenswert, wie wenig nostalgisch die Menschen an der Fasnacht seien: «Sie haben die Fasnacht im Kopf, die sie gerade machen», sagt Joray. Keine Sehnsucht nach Vergangenheit oder nach der besten Fasnacht aller Zeiten, der es nachzustreben gilt.
Sie geschieht punktgenau in jenem Moment, auf den sich die Fasnächtlerinnen und Fasnächtler ein Jahr lang vorbereitet haben: Wenns am Mäntig vieri schloot.