Schnee, wie sehr haben wir ihn gehasst die letzten Wochen, wie froh wären wir nun um Abkühlung. Jérôme Thiriet alias «Strom» hat ihn durch Schweissperlen gesehen. Gotthard, Furka, Grimsel – gleich drei frisch gefräste Pässe querte er auf dem Weg von Mailand nach Bern, gemeinsam mit einem Kurier-Peloton aus Spanien, Italien und Deutschland. Davor war er mit noch mehr Lieferburschen an der offiziellen EM-Vorveranstaltung in Mailand.

Das klingt nach sportlich seriöser Vorbereitung des Co-Geschäftsführers der Kurier-Zentrale. Als ob Strom, der letztes Jahr an der EM in Edinburgh das nächtliche Alleycat-Rennen gewann und 2011 in Madrid den Sprintwettbewerb, sein Titel-Palmares in Bern unbedingt erweitern will. Er winkt ab: «Das Rennen in Mailand hab ich wegen der Partynacht davor verpennt.» Das könnte ihm auch in Bern passieren, denn am meisten freut er sich bei seiner 11. EM-Teilnahme aufs Après-Programm. «Ich hab sportlich schon fast alles erreicht. Da setze ich mich nicht unter Druck und nutze den Anlass, um mit alten Weggefährten zu feiern.»

«Coureusen» werden hofiert

Von Druck will auch die amtierende Schweizer Meisterin Ursula «Ursle» Schneider nichts wissen. Als Frau gehört sie im Männer-lastigen Kurierumfeld zwar zur Minderheit, dumme Macho-Sprüche hört man aber auch von der dicksten Wade kaum. Die «Coureusen» werden eher charmant hofiert. Trotzdem wünscht sich die Baslerin: «Es wäre schön, würden mehr Frauen fahren.» Dann könnte sie wohl besser abtauchen.

Ursle steht nicht gerne im Fokus. Die freischaffende Fotografin steht lieber hinter der Kamera als davor. Trotzdem gehört sie als schnellste Schweizerin definitiv zu einer der grossen Favoritinnen, schliesslich gehören die Eidgenossen bei internationalen Kurierwettbewerben immer zu den Medaillenabräumern. Ursle fährt als EM-Vorbereitung weiterhin ihre vier, fünf Schichten beim Metropol Kurier: «Ich seh ja dann, obs was wird und geh einfach mal nach Bern.»

Am Freitag standen in Bern erst die Nebenkategorien an. Nebst dem Sprint sind das Spezialwettbewerbe für die in Kurierkreisen äusserst beliebten Fixed Gear Bikes – also Bahnräder mit starrem Antrieb, wie man sie von den Sechstagerennen kennt. Diese Velos sind eine Frage des Stils. Wobei bei der Wahl für so ein Velo weniger praktische Arbeitsalltag Argumente, denn der Lifestyle entscheiden. Diskussionslos eignen sich die Fixies jedoch für so spassige Wettbewerbe wie: Wer legt mit blockiertem Hinterrad die längste Bremsspur oder wer dreht am meisten Rückwärts-Kreise?

Als wäre das nicht skurril genug, setzen die Basler Kuriere von der hiesigen Messenger Event Organisation (MEO) noch einen drauf. Dieser Verein wurde vor Jahren gegründet, damit die Fahrer der verschiedenen Basler Kurieranbieter nicht dem damals durchaus giftigen Konkurrenz-Denken ihrer Chefs erliegen, sondern nach Feierabend gemeinsam den Flausen ums Fahren frönen.

Pain-Bike: Unfahrbare Velos

Nebst nächtlichen Rennen und Basler Meisterschaften organisierten die MEO-Leute 2005 am Rheinknie die Europameisterschaften. In Bern locken sie nun mit Kategorien wie Pain-Bike: Ein, dank verkehrter Lenkung, exzentrisch gespeichter Räder und Gelenken im Ober- wie Unterrohr des Rahmens, eigentlich unfahrbares Velo, mit dem man möglichst weit kommen muss. Speziell auch das Bungee-Bike, wo zwei Fahrer auf mit Gummizügen verbundenen Velos in entgegengesetzter Richtung lossprinten. Irgendwann reisst sie der Gummizug aus dem Sattel. Bewertet wird der spektakulärste Abwurf.

Darüber muss abends wohl das eine oder andere Bier getrunken werden. Doch werden es heute bestimmt einige der rund 30 Baslerinnen und Basler auch ans Hauptrennen schaffen. Sie stellen die grösste Städtefraktion, was zeigt, wie vital die hiesige Szene ist. Und bei allem klassisch baslerischen Understatement: irgendeinen Titel, wenn auch total zufällig und wider Willen, werden sie schon holen. Schliesslich will ja am Samstagabend nicht nur das 25-JahrJubiläum der Berner Velokuriere gefeiert werden.