Aurélien à Wengen sitzt auf den Treppenstufen des Gebäudes im südlichen Teil des Kasernenareals. Er ist einer der ersten vor Ort. Langsam trudeln Gleichgesinnte ein. Man kennt sich und begrüsst sich mit einer Umarmung.

Jemand spannt eine mitgebrachte Schnur über die Treppe. «Friedensmahnwache» steht da. Jeder Buchstabe auf einem A4-Blatt, zuhinterst an der Schnur hängt eine Regenbogenfahne.

Rund 40 Meter weiter weg, auf der gegenüberliegenden Seite der Kasernenwiese, stehen zwei Bildschirme in der Sonne. Die Zuschauer halten sich die Hände über die Stirn, um das WM-Spiel verfolgen zu können.

Eingeklemmt zwischen Friedensverkünder und Public Viewing sitzen ein paar Menschen auf der Wiese, die an diesem Sommerabend einfach gemütlich die letzten Sonnenstrahlen geniessen wollen. Ein Mann mit langen Haaren hat es sich auf einer Parkbank bequem gemacht, sein T-Shirt ausgezogen und nickt mit einem Bier in der Hand zu Heavy-Metal-Musik, die aus seinem Telefon klingt.

Von Deutschland nach Basel

Doch dann ist es vorbei mit seiner Idylle, denn auch à Wengen dreht jetzt die zwei grossen Boxen auf, die neben ihm auf der Treppe stehen. Eine Männerstimme singt zu Gitarrenmusik: «Im blauen Himmel, da sind wir alle frei. Doch sind da ein paar Wolken, sie sperren uns ein.» Es ist seine eigene Stimme, die über das Areal schallt. A Wengen hat das Lied selbst geschrieben und läutet damit seit ein paar Wochen jeden Montag die Friedensmahnwache in Basel ein. Der Metal-Fan beobachtet die Szenerie mit grimmigem Blick.

Es ist der zehnte Montag, an dem die Mahnwache in Basel stattfindet. Inspiriert haben die Organisatoren die Montagsdemonstrationen in Deutschland. Seit Mitte März finden in vielen grösseren deutschen Städten jeden Montag solche Friedensmahnwachen statt.

Das Spektrum der dortigen Organisatoren und Besuchern reicht von normalen Jugendlichen, die einfach nur Frieden wollen, über Verschwörungstheoretiker, Rechtsesoteriker, Antisemiten, Homophoben bis hin zu vereinzelten Rechtsextremen.

Redner werfen den USA und der amerikanischen Zentralbank vor, für die Krise in der Ukraine verantwortlich zu sein. Zudem wird der «Mainstream-Journalismus» angeprangert, der mit der Verbreitung von Unwahrheiten Propaganda betreibe.

A Wengen sagt, er habe die Bewegung in Deutschland interessiert beobachtet. Vor allem über Youtube-Filme, die er sich im Internet angeschaut habe, denn «die Medien» konsultiere er seit gut einem Jahr nicht mehr. Fast von Anfang an nahm er an jeder Versammlung in Basel teil und ist inzwischen einer der Organisatoren der kleinen Gruppe. Sein Ziel sei, die Menschen aufzuwecken.

Die Bedrohungen in Basel sind ähnliche wie jene in Deutschland: böse Banker (sogenannte Bankster), die die Menschen versklaven, Wettermanipulatoren, die Bilderberger-Konferenz, die eine Weltherrschaft plant.

Auf der Kasernenwiese haben sich inzwischen rund 40 Personen versammelt. Ein paar liegen im Gras, andere sitzen am Rand auf den Treppenstufen. Die meisten sind zwischen 40 und 60 Jahre alt. Einige auch deutlich jünger. Ein 19-Jähriger, Sonnenbrille, Kopfhörer, die Dächlikappe verkehrt auf dem Kopf, erzählt, dass er seit der ersten Veranstaltung dabei sei. Oft – so sagt er – sprechen ihm die Redner aus dem Herzen.

Rechtsextreme Positionen

Ans Mikrofon tritt Detlef Hegeler, selbst ernannter Journalist, der im Internet das «Wakenews Radio» und «Wakenews TV» betreibt. Von der anderen Seite der Kaserne johlt und applaudiert es, nicht wegen Hegeler, der seine Rede beginnt, sondern wegen des Fussballspiels.

Das weisse Haar zu einem Rossschwanz gebunden, die Körperhaltung aufrecht, das weisse T-Shirt spannt sich über seinem Bauch. Hegeler spricht von der Bundesrepublik Deutschland, die kein souveräner Staat sei, sondern ein von den Alliierten geduldetes Verwaltungsorgan.

Er sagt, die al-Qaida sei ursprünglich von der CIA gegründet worden und dass jedes Geschehen, jeder Krieg eingefädelt wurde und einem bestimmten Zweck dienen soll: eine neue Weltordnung zu errichten. Der spontane Applaus von ein paar Zuhörern geht im Geschrei des Metal-Manns auf der Parkbank unter, dem das ganze Spektakel zu bunt wird. «Ich habe die Schnauze voll von euch!», ruft er und öffnet das nächste Bier.

Samuel Althof ist Extremismusexperte in Basel und setzte sich mit den Friedensmahnwachen in Deutschland auseinander. Er sieht gewisse Parallelen zu den Mahnwachen in Basel.

«Hegeler ist ein typischer Verschwörungstheoretiker.» Auf Themenfeldern, wo es objektive Unsicherheiten gebe, entwickle er eigene Halbwahrheiten. «Das Weltbild und die Denkmodelle solcher Leute funktioniert nur unter Bezugnahme von Sündenböcken.»

Oftmals seien dies die jüdische Weltverschwörung oder eine Art von Sekundärantisemitismus, der sich als Anti-Amerikanismus zeige. Dies werde meist nur implizit gesagt und nie ausgesprochen.

In gewissen Argumenten der Redner in Basel finden sich laut Althof aber rechtsextreme Positionen. «Dass Deutschland kein selbstständiger Staat sei, behauptet auch die rechtsextreme ‹Europäische Aktion›, deren Gründer, der Schweizer Bernhard Schaub, ein bekannter Holocaust-Leugner und Rechtsextremer ist.»

Auf der Kaserne wird immer wieder vom Licht gesprochen, das ins Dunkel gebracht werden müsse und dass die Küchenschaben auseinanderstieben, weil sie das Licht nicht mögen.

«Das ist reinster Nazi-Jargon», kommentiert Althof. Allgemein schätzt er die Gruppe aber eher rechtsesoterisch, denn rechtsextrem ein. Anders in Deutschland: Dort bewegen sich die fünf Köpfe der ersten Stunde der Mahnwachen Lars Märholz, Jürgen Elsässer, Ken Jebsen, Andreas Popp und Rico Albrecht in einem rechtsextremen Dunstfeld. In einigen Städten in Deutschland traten bekennende Nationalsozialisten gar öffentlich an den Mahnwachen auf.

Als gefährlich schätzt Experte Althof die Friedensmahnwache in Basel nicht ein. Dafür sei die Gruppe zu klein und ihr Auftritt zu unattraktiv, auch im Internet. Die Organisatoren informieren vor allem über ihre Website und laden von jeder Veranstaltung Videos auf Facebook. Althof sagt: «Das prophetische Gehabe ist langfristig unattraktiv und mit der Zeit langweilig, da die Zuhörer damit gleichzeitig entwertet werden.»

Alle dürfen sprechen

Dem Metal-Mann ist es inzwischen zu doof geworden, ständig dazwischenzurufen. Er headbangt wieder zu seiner Musik. Die Zuhörerschaft auf der Kasernenwiese lässt sich so oder so – und von solchen Störern schon gar nicht – von ihrer Mission abbringen.

Seelenruhig diskutieren sie weiter. Das Mikrofon ist jetzt für alle offen, die etwas zu sagen haben, verkündet Organisator à Wengen und fügt an: «Solange es nicht in ein Extrem abrutscht.» Ein wenig verloren steht er auf der Treppe und wartet, bis sich jemand ans Mikrofon traut. Die Fussball-Fans johlen, im Hintergrund läuft Heavy-Metal-Musik, die Sonne verschwindet hinter den Dächern der Kaserne. Heute trifft man sich wieder.