Wer kein Geld hat, spart oft als Erstes bei der Zahnbehandlung. Mit verheerenden, schmerzhaften Spätfolgen. Adriana Ruzek vom Verein Schwarzen Peter, der sich um die Obdachlosen in Basel kümmert, kennt die Probleme allzu gut. «Viele warten bis zum Abszess, bis sie um Rat suchen.» Nicht zu Unrecht.

Die Zähne sind oft in einem so schlechten Zustand, dass die Patienten unter Vollnarkose behandelt werden müssen. Oder unter Narkose behandelt werden müssen, weil sie so stark Angst vor dem Zahnarzt haben.

Sozialhilfebezüger können auf die Hilfe durch den Staat zählen. Sie dürfen sich in den Öffentlichen Zahnkliniken behandeln lassen. 2017 bezahlte der Kanton 1,1 Millionen Franken an die Rechnungen der Sozialhilfebezüger. 8695 Menschen wurden so unterstützt – im Schnitt mit 124 Franken jährlich.

Doch die Kosten für eine grosse Zahnbehandlung übersteigt oft auch das Budget von Leuten, die nicht von der Sozialhilfe abhängig sind, sondern knapp über der Armutsgrenze sind.

Mit Monatslöhnen von 3000 Franken oder weniger ist der Gang zum Zahnarzt kaum zu stemmen. Auch wenn die öffentlichen Zahnkliniken Menschen, die tiefe Einkommen haben, Vergünstigungen gewähren.

Karies bei Kindern rückläufig

Nun hat der Basler Regierungsrat reagiert, wie den überarbeiteten Richtlinien der Sozialhilfe zu entnehmen ist. «Einmalige situationsbedingte Leistungen können im Sinne der Prävention erbracht werden, um eine drohende Notlage abzuwenden», heisst es im Papier, das vergangene Woche veröffentlicht wurde.

«Sie fallen in Betracht, wenn das Einkommen die Grenze für einen Anspruch auf ordentliche Unterstützung nur knapp überschreitet», heisst es weiter. Basel-Stadt ist nach dem Tessin erst der zweite Kanton, der die Zahnbehandlungen von Leuten subventioniert, die nicht von der Sozialhilfe abhängig sind.

Rudolf Illes, Leiter der Sozialhilfe in Basel-Stadt sagt, mit dieser Massnahme wolle man verhindern, dass sich Familienhaushalte verschulden müssten und so in die Armutsfalle tappten. Erfahrungsgemäss würden notwendige Zahnbehandlungen aufgeschoben – oder eine Familie nehme einen Kredit für den Zahnarzt auf, was in diesen Einkommensschichten eine schwerwiegende Hypothek sei.

Schuldenfalle Zahnarzt

Ingrid Hess, Sprecherin der Schweizerischen Konferenz der Sozialhilfe (Skos), bestätigt, dass neben Krankenkassenprämien oder Steuerrechnungen gerade die Zahnarztkosten zu den Ausgaben gehörten, welche am häufigsten zur Verschuldung führten.

«Dass die Sozialhilfe die Zahnbehandlungen zahlt, ist ein sehr populistisches Thema. Dabei muss klar gesagt werden, dass sie nur für das Notwendigste aufkommt», sagt Hess. So würden einzig Behandlungen übernommen, «die absolut notwendig, einfach, wirtschaftlich und zweckmässig sind». Unklar ist bisher, wie stark das Einkommen und die zahnärztliche Gesundheit korrelieren.

Andreas Stutz, CEO des Universitären Zentrums für Zahnmedizin, der unter anderem die Volkszahnklinik angehört, sagt, dass derzeit eine Studie erstellt werde, die den Zusammenhang zwischen Zahngesundheit und Herkunft beziehungsweise Einkommensverhältnissen der Eltern der untersuchten Kinder untersuche.

Allgemein könne festgestellt werden, dass die Kariesfreiheit bei Kindern in den vergangenen Jahren zugenommen habe. Entsprechende Daten von Erwachsenen würden nicht erhoben.

«Einmalige» Leistungen

Welche Mehrkosten auf den Staat zukommen, lässt sich noch nicht berechnen. Rudolf Illes geht aber davon aus, dass sie sich in Grenzen halten werden. «Es betrifft nur Personen, deren Einkommen knapp über der Sozialhilfe liege», sagt er. Diese liegt weiterhin bei einer Monatspauschale von 986 Franken pro Person in einem Ein-Personen-Haushalt. Bei zwei Personen sind es 1509 Franken, bei drei 1834.

Zudem sei die neue Unterstützungsleistung des Staats explizit für «einmalige» Leistungen gedacht und nicht für wiederkehrende Zahnbehandlungen – Dentalhygiene oder reine Untersuchungen sind demnach ausgeschlossen.