Die Nabelschau eines überschätzten Quartiers

Vogel Gryff – der antiquierte Brauch verkennt die heutigen Verhältnisse und Bedürfnisse.

Wenn heutzutage im Alltag der Begriff der Ehre gebraucht wird, geht es dabei meist um Schlägereien unter Teenies. Oder um den Vogel Gryff. Jährlich zeigt sich dort, dass die Drei Ehrengesellschaften des Kleinbasel ihren ursprünglichen Zweck, nämlich die Bewachung der Stadtmauer, noch immer nicht überwunden haben. Den martialischen, schiesswütigen Anarchisten auf dem Floss können wir getrost unter Kinderfreuden abhaken. Deutlich zweifelhafter ist der Harassenlauf der Altherren in schwarz. Alleine dass dabei Frauen nicht erwünscht sind, sollte eigentlich im Jahr 2017 die Debatte über Sinn und Unsinn eines solchen Anlasses bereits beenden.

Als eigentliches Highlight des Vogel Gryff gilt jeweils das Gryffemähli. Beim Mehrgänger in der Messe wird mit stolzgeschwellter Brust über Stunden hinweg die Eigenständigkeit beschworen und über die elitäre Politik auf der anderen Seite des Rheins gelästert. Allfällige Ähnlichkeiten mit künftigen US-Präsidenten sind weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich. Die Nabelschau grenzt an Realitätsverlust. Dass seit Ewigkeiten kein Regierungsrat mehr westlich des Wettsteinplatzes wohnte? Geschenkt. Dass diverse im Wahlkreis gewählte Grossräte gar nicht dort leben? Who cares.

Nicht falsch verstehen: Das Kleinbasel hat tolle Ecken. Die Rheingasse hat enorm von der verkehrsfreien Innenstadt profitiert. Aus der Absturzmeile voller zwielichtiger Beizen ist ein Hot-Spot geworden. Das Rheinufer ersetzt mehr und mehr die nicht vorhandenen Piazze der Stadt. Auch die Kaserne hat mit dem geplanten Umbau das Potenzial, mehr Leben ins Quartier zu bringen. Daneben hat das Kleinbasel aber auch etliche Probleme: Verkehr, Kriminalität und soziale Missstände etwa. Wem dagegen nichts Schlaueres einfällt als der Vogel Gryff, muss damit rechnen, dass man auf der anderen Seite den Lällekönig wieder aus dem Historischen Museum holt.

Grossbasler sind Kleingeister: Diesen Brauch braucht es!

Wer den Vogel Gryff altbacken schimpft, verkennt die hochaktuellen Probleme, um die er sich kümmert.

Dem Kollegen ennet des Rheins sei seine Unbedarftheit bezüglich des höchsten Glaibasler Feiertags verziehen. Er gehört einer speziellen Spezies an: Den zugewanderten Baselbietern, die ab mittleren Alters vor Urbanität nur so strotzen, um ihre Feldwaldwiesen-Wurzeln zu verleugnen. Dabei sitzt er dem üblichen Trugschluss auf: Brauchtum mit Altertum gleichzusetzen. Grossbasler sind Kleingeister, sie können es nicht verbergen.

Es stimmt, die Fasnacht, Zünfte und auch der Vogel Gryff haben ausschliessende Züge. Manche davon dürfen mit Recht kritisiert werden. Aber es ist halt ein bisschen billig, auf der Frauenquote rumzureiten. Dieser Brauch ist älter als die Schweiz – ein Land, in dem Frauen seit gerade mal 60 Jahren abstimmen dürfen. Die Argumentation der Arroganz ist ungefähr so richtig, wie wenn man aus westlicher Sicht auf andere Kulturen herabschaut, weil man – notabene ohne eigenes Zutun – sich selbst in einer weiter entwickelten Position wähnt. Viel seltener wird von Aussenständigen der einbindende Charakter solcher Organisationen herausgestrichen. In welchen Vereinen werden denn auch die älteren Menschen noch berücksichtigt und besucht? Kaum in jenen hippen Kreisen, in denen die ach so mondänen Möchtegern-Metropolisten verkehren. Unter den Gesellschaftsbrüdern der Ehrengesellschaften befinden sich weit über 90-Jährige, die immer noch aktiv am Geschehen teilnehmen.

Zudem ist es wie mit der Fasnacht: Die Betrunkensten sind immer die Passiven. Dieses Jahr ist der Vogel Gryff an einem Freitag, da wird es von opportunistischen Grossbaslern nur so wimmeln. Damit unterscheidet sich dieser Freitag freilich von keinem anderen im Jahr, schwemmen die Grossbasler doch so schon jedes Wochenende aus dem Wohn- ins Lebensquartier. Einen Tag im Jahr halten wir Kleinbasler Euch den Hintern hin – Euer Lällekönig hat dafür treffend die Zunge parat.