Es ist ein Begriff, der in den vergangenen Jahrzehnten eine Bedeutungserweiterung erlebt hat: Das Waisenhaus hat heute kaum mehr mit elternlosen Kindern zu tun. Das gilt auch für das Bürgerliche Waisenhaus Basel. Seit seiner Eröffnung vor 350 Jahren hat sich die Institution von der umstrittenen Erziehungsanstalt zur breit abgestützten Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche entwickelt. Heute bietet das Heim nicht nur stationäre Wohngruppen, sondern auch Kriseninterventions- und Wohnexternatsplätze an.

Pünktlich zum Jubiläumsjahr widmet der Christoph Merian Verlag der Geschichte des Basler Waisenhauses nun eine Publikation: In «Zuhause auf Zeit» beleuchten fünf verschiedene Historikerinnen und Historiker, welched problematischen Stationen die Basler Heimgeschichte definieren. Entstanden ist ein ungeschönter und umfassender Beitrag zur Basler Stadtgeschichte. Er ruft in Erinnerung, wie stark sich die institutionellen Umstände und Ziele in den vergangenen Jahrzehnten verbessert haben.

Zur Zeit der Gründung im 17. Jahrhundert standen im Heim noch die religiöse Erziehung und Züchtigung der Kinder im Vordergrund. Auch die Gesellschaft der Kinder war problematisch: Diese mussten sich ihren Platz im Waisenhaus mit Gefangenen teilen. Ziel des Aufenthalts war sowohl bei den Kindern als auch bei den Delinquenten die moralische Entwicklung. Zugleich waren die Heimkinder Knechte des Heimleiters. Sie wurden zur Arbeit eingespannt und mussten sämtlichen Lohn nach oben abtreten.

Als das ZGB Familien trennte

Auch wenn sich die Bedingungen im Laufe der Zeit verbessert haben: Im zwanzigsten Jahrhundert blieb die Situation für die im Waisenhaus wohnhaften Kinder problematisch. Mit der Einführung des Zivilgesetzbuches 1912 fand ein Artikel Einzug ins Gesetz, der es den Behörden erlaubte, gezielt in Familien einzugreifen. Vermuteten die Aufsichtsorgane eine «andauernde Gefährdung» oder eine «Verwahrlosung», konnten sie Kinder fremdplatzieren.

Damit einher ging die Propagierung eines traditionellen Familienmodells: Dem Idealbild der Familie mit dem Vater als Ernährer und der Mutter als Hausfrau konnten gerade arme Familien nicht gerecht werden, was die Aufmerksamkeit der vornehmlich bürgerlichen Kontrollinstanzen erweckte.

Andere Veränderungen, welche das Basler Waisenhaus prägten, waren stark vom globalen Kontext abhängig. So führten die wirtschaftlichen Bedingungen im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs dazu, dass viele Familien verarmten und Kinder fremdplatziert wurden. Allein zwischen 1936 und 1939 stieg die Zahl der im Waisenhaus wohnhaften Kinder um 25 Prozent.

In die Kritik gerieten die Institutionen erst ab den 1970er-Jahren. Damals wurden im Zuge der sogenannten «Heimkampagne» zahlreiche Schweizer Heime medial beleuchtet. Es war eine Zeit, in der über Vorfälle in diversen Heimen intensiv berichtet wurde. So wurden «skandalöse Missstände» in einem Kinderheim in Glarus aufgedeckt. In Luzern fand insbesondere der Sonnenbergskandal grosse Beachtung: 1944 deckten zwei Journalisten körperliche Misshandlungen von Kindern im katholischen Erziehungsheim auf, was zur Schliessung der Anstalt führte.

Rückblick statt Festschrift

In der breiten Öffentlichkeit setzte sich durch die Ereignisse ein zunehmend negatives Bild der Kinderheime durch. Das Basler Waisenhaus blieb in der Debatte grösstenteils verschont. Die Schweizer Medien stellten das hiesige Heim mehrheitlich als idyllisches Kinderparadies dar. Eine Haltung, die nur begrenzt der Wahrheit entspricht, wie die vielen Kurzporträts im Buch verdeutlichen. Ehemalige Bewohner und Bewohnerinnen berichten darin von ihren Erlebnissen.

Nebst dem plötzlichen Wechsel des Umfelds und den dominanten Erzieherinnen sind es auch die fehlende Privatsphäre und ein problematisches Verhältnis zur Sexualität, welche den Kindern zu Schaffen machten. Zuneigung sei «bis zum Bach runter» verpönt gewesen, so ein ehemaliger Bewohner. Dass auch diese durchaus problematischen Aspekte Einzug in die grosse Retrospektive fanden, ist den Autoren hoch anzurechnen.

Ihr Werk ist keine Festschrift, sondern ein reichhaltiger und spannender Rückblick auf 350 Jahre Basler Stadt- und Familiengeschichte. Dennoch ist «Zuhause auf Zeit» kein Buch, das sich nur an geschichtlich versierte Menschen richtet: Die Mischung aus historischen Dokumenten, Zeitzeugnissen und zahlreichen Fotografien überzeugt auch Laien.

   

«Zuhause auf Zeit. 350 Jahre Bürgerliches Waisenhaus Basel»
Christoph Merian Verlag, 456 Seiten.