Der Ankündigungstext verspricht ein Kunstereignis, das die konventionelle Enge von Ausstellungsräumen hinter sich lässt. Kein Whitecube, keine Berührungsangst, kein «elitärer Fetisch der Werkbetrachtung».

Eine halbe Stunde vor Beginn schlägt sich Kurator Benedikt Wyss allerdings noch mit den ganz gewöhnlichen Ausstellungsfragen herum. «Wir haben noch ein paar wichtige Entscheidungen zu treffen», sagt er mit einer Bierdose in der Hand im Vorbeigehen zu mir. Eine Minute später wird die gesamte «Ausstellung» vom Schatten in die Sonne getragen. «Ist besser für die Fotos» , heisst es. Die 25 Objekte liegen nun auf einer Fläche von etwa 35 Quadratmeter verteilt auf dem Rasen im Solitudepark vor dem Tinguely Museum.

Der Kurator in Aktion

Vier weisse Leinwände, auf die jeweils ein schwarzes Quadrat gemalt wurde, begrenzen den Raum an den Ecken. Während die ersten Vernissage-Gäste eintreffen, ist Wyss noch damit beschäftigt, die Anordnung der Gegenstände zu optimieren. Das grosse Wolkenplakat in der Mitte wird noch ein bisschen nach links gerückt, die sieben Badekappen mit Rostgans-Motiv bringt er in Pfeilformation und das Werbeschild von Künstler Florian Graf mit der Aufschrift «Schaulager» will einfach nicht im Boden stecken bleiben. «Wir haben hier den härtesten Rasen überhaupt», schimpft Wyss halb ironisch.

Sobald alle Gäste eingetroffen sind, geht der offizielle Teil los. Erstmal noch ganz klassisch mit kleinem Apéro und Ansprache. Allerdings werfen die Handtücher zwischen den Wasserflaschen bereits einige Fragen auf.

Als das Mikro schliesslich an den leitenden Künstler der Ausstellung, Thomas Geiger, übergeht, beginnt dieser die auf dem Rasen verteilten Werke an die Besucher zu verteilen. Denn mittlerweile ist klar: Die Kunstwerke werden den Rhein runter geschickt und jeder Besucher ist dabei für eines dieser Werke zuständig.

Das ist allerdings noch nicht alles. «Wir werden versuchen, das Ganze in der Formation den Rhein runter zu bringen, in der es nun hier liegt», verkündet Geiger.

Ganz besonders schwierig wird das für die Träger der Rostgans-Schwimmkappen. Diese sollen nämlich vom Tinguely-Museum bis zur Flora Buvette in Formation schwimmen. Ich wähle die einfachere Variante, erkläre mich für eine der Schwimmhilfen aus PET-Flaschen des Künstlers Nino Baumgartner verantwortlich.

Kaum sind alle Werke verteilt, kommt die Ansage: «Jetzt kleiden wir uns aus». Die Kleider, Taschen und Schuhe werden in einer Wanne verstaut. Die Verantwortlichen versprechen uns, dass wir sie beim Ausstieg an der Flora-Buvette zurück bekommen werden. Ich schnalle mir die PET-Schwimmhilfe um den Bauch und steige mit den anderen Ausstellungsbesuchern zum Rhein runter. Dabei werden wir von vielen Dutzenden neugierigen Blicken begleitet.

Thomas Geiger gefällt das: Der Künstler möchte den Ausstellungsraum in die Öffentlichkeit tragen. «Wichtig ist, was beim Zusammentreffen des Werkes mit dem Betrachter geschieht» – und dieses Zusammentreffen findet hier auf mehreren Ebenen statt, lerne ich. Einerseits treffe ich mit dem Werk in Form der Schwimmhilfe um meinen Bauch zusammen und andererseits treffen wir als Gruppe, als Gesamtkunstwerk, mit den Betrachtern am Rheinufer zusammen.

Die Strömung macht, was sie will

Das Gesamtkunstwerk stellt sich also am Rheinufer auf und versucht, dieses Experiment einigermassen geordnet zu starten. Kaum sind wir im Fluss, macht aber die Strömung mit uns, was sie will. «Enten in Formation» wird immer wieder gerufen. Und weiter: «Wo sind die Ecken?» Wir bemühen uns alle sichtlich um ein einigermassen synchrones Erscheinungsbild. Allerdings vergeblich. Von Formation ist kaum etwas zu erkennen.

Einmal wollen externe Ausstellungsbesucher ganz frech unseren schwimmenden Ausstellungsraum durchqueren. «Halt stopp», rufen wir ganz synchron. «Ja nichts anfassen, das ist Kunst», schliesslich hat jede Öffentlichkeit ihre Grenzen und ein paar Konventionen gehören halt dazu. Deshalb gibt es am Schluss, nach dem Ausstieg an der Flora-Buvette auch noch ein richtiges Apéro mit Zwiebelquiche und Weisswein. Auch wenn es mit der Formation nicht ganz geklappt hat.