Weder Bub noch Mädchen: In der Schweiz kommen jährlich etwa 40 Kinder zur Welt, die von der biologischen Norm abweichen. Sie sind weder eindeutig männlich noch eindeutig weiblich – sondern sogenannt intersexuell. Doch schon bei der Geburt besteht ein Definitionszwang: Der Vorname eines Kindes muss männlich oder weiblich zuordnend sein. Hebammen, Mediziner und Eltern stehen unter Druck, eine Lösung zu finden. Viel wichtiger, als einer Norm zu entsprechen, sei das Wohl des Kindes, sagt Hansjakob Müller im Interview. Der Genetiker am Universitätskinderspital beider Basel ist Mitorganisator eines Diskussionsabends zur Intersexualität.

Junge oder Mädchen? Wie reagieren Eltern, wenn sie auf diese Frage nach der Geburt ihres Kindes keine eindeutige Antwort erhalten?

Hansjakob Müller: Die Eltern stehen häufig unter Schock. Es braucht viel Zeit, um mit ihnen die Problematik zu diskutieren. Wichtig ist, ihnen klarzumachen, dass ihr Kind später die Autonomie haben sollte, selber zu entscheiden, ob es sich als Mann oder Frau respektive anders fühlen will. Darüber wird sich das Kind meist erst nach der Pubertät klar.

Früher war das ein wenig anders ...

Es war so, dass ab- und herausschneiden einfacher war, als anzusetzen. Darum wurde ohne Rücksicht aus den Betroffenen häufig ein Mädchen gemacht. Das hatte schlimme Folgen. Sie fühlten sich im falschen Körper, hatten psychische und körperliche Probleme. Heute wird nur operiert, wenn es für die Gesundheit entscheidend ist.

Wartet man wirklich?

Die Ärzteschaft versteht heute mehr über die Ursachen und die Folgen der Intersexualität. Es ist auch eine medizinisch-ethische Diskussion im Gange. Aber es gibt eine soziale Problematik: Die Eltern tun sich oft so schwer, dass sie die Ärzte unter Druck setzen, eine Lösung zu finden. Denn die Gesellschaft kennt in diesem Bereich als Norm nur männlich und weiblich. Das hat teilweise auch mit der Religion zu tun. In der jüdisch-christlich geprägten Kultur gab es nur zwei Geschlechter. Die Kirchen taten und tun sich mit Abweichungen schwer. Hinzu kommt, dass Sexualität und Geschlecht dort immer noch Tabuthemen sind.

Warum wird Intersexualität gerade jetzt thematisiert?

Die Betroffenen wehren sich. Es gibt Vorstösse im Parlament und aktuelle Beispiele aus dem Sport. Zum Beispiel die südafrikanische 800-Meter-Läuferin Caster Semenya rückte das Thema des biologischen Geschlechts ins öffentliche Interesse.

Diskussionsabend mit Eltern und Experten, Dorfkirche Riehen, 20 Uhr.