Er wollte nur Zappen. Bei «Neuland» blieb er hängen. Kaum war der preisgekrönte Film zu Ende, lobte FCB-Spieler Marc Janko die «inspirierende» Dokumentation auf Twitter: «Herr Zingg ist ein Held», schrieb er über den Protagonisten-Lehrer.

Christian Zingg ist nicht auf Twitter, sein Cliquenkollege Thierry Moosbrugger umso mehr. Moosbrugger sah den Tweet und dachte: Die beiden bringe ich zusammen!

Es ist gut einen Monat her, seit sich Janko und Zingg erstmals trafen. Jetzt sind sie per Du und vertraut. Zinggs Schüler, junge Migranten aus aller Welt, sahen Janko bisher jedoch immer nur im Fernseher oder, bestenfalls, von weitem im Stadion.

Bis heute. Da kam ihr Held zu ihnen.

Aus dem Holzhaus erklingt eine La-Ola-Welle. Hier beim Schulhaus Niederholz gehen die Jugendlichen in eine Integrationsklasse. Christian Zingg unterrichtet sie und gibt ihnen einen Boden, wie er sagt. Doch heute ist der Fussballer im Zentrum. Er erzählt aus seinem Leben, von den Rückschlägen, die ihn stark gemacht haben. Und die Schüler stellen ihm Fragen.

Klare Botschaft: Gebt nicht auf!

Die bz darf nicht dabei sein, seine Schüler seien kein Zolli, sagt Zingg. «Die Jugendlichen brauchen einen geschützten Rahmen.» Erst fürs Fotoshooting darf die bz ins Zimmer. Auf jedem Tisch liegt mindestens eine Autogrammkarte. Ein Mädchen benutzt seine als Fächer. Alle schiessen Selfies von sich und ihrem Helden.

Dieser, das wurde den Schülern während des Gesprächs klar, sieht sich selber nicht als Helden. «Für mich ist jemand ein Held, der Dinge tut, die normale Menschen nicht tun – und damit zu einer besseren Welt beiträgt», sagt Janko. Christian Zingg sei für ihn ein Held. Weil er den jungen Menschen, die zum Teil Krieg erlebt hätten und allein geflüchtet seien, auf ihrem Weg in eine bessere Zukunft helfe.

Zingg kontert: «Ich bin kein Held!» Ein Held sei jemand, der andere rette und dabei sein Leben riskiere. Seine Schüler seien Helden. Janko nickt, sein Respekt gelte den jungen Leuten, die sich trotz ihren Geschichten nicht unterkriegen lassen. Er habe versucht, ihnen zu vermitteln, dass es jeder schaffen kann, etwas aus seinem Leben zu machen. Die Botschaft kam an.

Der 18-jährige Milad aus Afghanistan und seine vier afghanischen Klassenkollegen strahlen. Sie sind sich einig: «Marc Janko hat uns Mut gemacht, nicht aufzugeben. Er hat uns gesagt, dass es manchmal sogar Rückschläge braucht, um weiterzukommen.»

Drei Autogrammkarten hat Milad bekommen. Gern würde er eines Tages selber welche unterschreiben. Er spielt Fussball und könnte sich vorstellen, Profi zu werden. Seiner Mitschülerinnen Darlene aus den Philippinen ist weniger angetan vom Sport, sie möchte Krankenschwester werden. Nach einem Jahr spricht sie recht gut Deutsch. Trotzdem, ist Zingg sicher, dass sie bei den Bewerbungen Rückschläge erleben wird. Unsere Gesellschaft orientiere sich an Defiziten, statt auf Stärken zu setzen. Das ist es unter anderem, was er seinen Schülern mitgibt, dass man Defizite ausgleichen kann.

Janko ist in einem Wiener Quartier unter lauter Türken aufgewachsen. Integration, so sagt er, habe es damals kaum gegeben. Viele Türken seien gewaltbereit gewesen, er selber habe Vorurteile entwickelt, weil sein Bruder verprügelt worden sei. Inzwischen, nach zahlreichen Reisen und langen Aufenthalten in aller Welt, seien seine Vorurteile zu «1000 Prozent begraben». «Es ist nicht mein Verdienst, dass ich in einem sicheren Land wie Österreich geboren bin», sagt er. Und fragt sich, warum das nicht jeder Mensch so sehen kann. Eine klare Antwort hat er nicht.