Die Fondation Beyeler beherbergt die private Dauerleihgabe «Le passage du commerce Saint-André» des Malers Balthus. Das grossformatige Ölgemälde zeigt eine Pariser Strassenszene. Aufgeblasen zu einem Riesenposter hing es 1983 am Pariser Centre Pompidou und warb für die erste grosse Ausstellung des französisch-polnischen Malers.

Die Attraktion der Ausstellung war jedoch «Thérèse, träumend», das Bild eines sitzenden 14-jährigen Mädchens, dessen Rock so weit hochgerutscht ist, dass der Blick frei auf die Unterhose fällt. Auserkorene konnten an der Vernissage ihren Blick auch hinter einen Vorhang werfen, wo das skandalträchtigste von Balthus’ Bildern halb versteckt, halb ausgestellt war: «Die Gitarrenstunde», das eine Frau zeigt, die ihre Schülerin verführt.

Die Fondation Beyeler hat für den Herbst eine grosse Balthus-Ausstellung programmiert. Ausgehend von «Le passage du commerce Saint-André» würden fünfzig zentrale Werke aus allen Schaffensperioden ausgestellt, heisst es in der Ankündigung. «Thérèse» und «Die Gitarrenstunde» gehören zweifellos in diese Kategorie. Ob sie den Weg nach Basel finden und anschliessend nach Madrid weiterziehen, wo die Ausstellung im Museo Thyssen-Bornemisza gezeigt werden soll, gibt die Fondation auf Anfrage nicht bekannt.

Nach Ansicht des deutschen Magazins «Der Spiegel» steht die Basler Ausstellung aber grundsätzlich auf der Kippe. Er schreibt in der neuesten Ausgabe: «Ob die grosse Balthus-Retrospektive wirklich stattfindet, ist fraglich, angesichts eines Künstlers, dem immer wieder der Vorwurf gemacht wird, er stilisiere die Pädophilie.»

Onlinepetition gegen «Thérèse»

Das Nachrichtenmagazin prognostiziert einen Basler Kunstskandal im Kontext der aktuellen #MeToo-Debatte und seiner Ausweitung auf künstlerische Korrektheit: In Manchester wurde das Gemälde «Hylas und die Nymphen» abgehängt, das sieben sehr junge Frauen in einem Tümpel badend zeigt. In Berlin wird ein an die Fassade der Alice-Salomon-Hochschule gemaltes Gedicht von Eugen Gomringer überpinselt, weil es einen etwas gar männlichen Blick wiedergebe.

Im vergangenen Dezember wurde schliesslich die «Thérèse» von Balthus, das mittlerweile im New Yorker Metropolitan Museum ausgestellt ist, zur Zielscheibe der politischen Korrektheit. Eine Onlinepetition mit gut 10'000 Unterstützern forderte, das Gemälde müsse aus den Augen der Öffentlichkeit geschafft werden. Das Museum lehnte ab.

Balthus, der mit vollem Namen Balthasar Klossowski de Rola hiess, verstarb 2001 mit 93 Jahren in seinem Holzchalet in Rossinière im Kanton Waadt. Provokateur mit Unschuldsmiene ist er über seinen Tod hinaus geblieben. Anfang 2014 zeigte ebenfalls das Metropolitan Museum die Balthus-Show «Cats and Girls — Paintings and Provocations». Begleitend stellte die Galerie Gagosian etliche der 2400 Polaroid-Bilder aus, die Balthus im hohen Alter und über Jahre von einem pubertierenden Mädchen gemacht hatte. Die Fotoaussstellung sollte anschliessend im Museum Folkwang gezeigt werden, doch dazu kam es nicht. Um «ungewollte juristische Konsequenzen» zu vermeiden, sagte das Essener Kunsthaus kurzfristig ab.

Fondation will eine Diskussion

Doch was meint die Fondation Beyeler? Sprecherin Silke Kellner sagt, bei der Programmierung sei man sich durchaus bewusst gewesen, dass Balthus «sowohl Verehrung als auch Ablehnung» erfahre. Kunstausstellungen ermöglichten aber Reflexionen und Diskussionen über Normen, Konventionen und Werte. Während der Ausstellung seien Angebote geplant, die sich mit kritischen Aspekten auseinandersetzen. Von einer Absage will Kellner nichts wissen: «Nicht Zensur, sondern vielmehr Diskussion und Vermittlung ist der Weg, den wir verfolgen.»

Konkrete Anfragen laufen ins Leere. Die Fondation stecke mitten in Vorbereitung für Ausstellungen, die noch vorher stattfinden, sagt Kellner. Wie üblich würden detaillierte Fragen erst einige Wochen vor der Eröffnung der Schau beantwortet.