Wer seine Kinder fremdbetreuen lässt, der musste das Podium zum Thema «Familienfreundlichkeit: Vorwärtsstrategie für Basel» gestern Abend vorzeitig verlassen. Denn die Veranstaltung dauerte bis nach 18 Uhr. Und zu diesem Zeitpunkt haben die meisten Kitas bereits geschlossen. Tatsächlich war das Thema flexibler Kinderbetreuungszeiten – sei es bei unregelmässiger Tätigkeit oder während der Schulferien – denn auch eines der wenigen konkreten Projekte, die in der «Vorwärtsstrategie» angegangen werden sollen, wie SP-Wirtschaftsdirektor Christoph Brutschin auf dem Podium versprach.

Konkrete Lösungsansätze für andere Verbesserungen blieben aus. Dabei «hätte Basel das Zeug zur mutigen Wegbereiterin» in Sachen familienfreundliche Wirtschaft, wie die Leiterin Gleichstellung Basel-Stadt, Leila Straumann, sagte. «Die Blockade für ein mutiges Vorwärtsgehen ist in den Köpfen», stellte sie fest.

Diese Blockaden zu lösen, das ist die tägliche Aufgabe der Unternehmensberaterin Clivia Koch. «Ich stelle jedoch fest, dass die Unternehmen oft nur strukturelle Anpassungen machen und diese dann nach aussen kommunizieren, beispielsweise die Möglichkeit von Jobsharing oder Homeoffice. Nach diesem Anfangseffort aber wird das Thema nicht weiterverfolgt und es passiert nichts.»

Dabei sei erwiesen, dass Investitionen in familienfreundliche Strukturen zwar kosten, der «Return on Investment» aber deutlich überwiege. So besagt eine bereits etwas ältere Studie des Kantons Basel-Stadt, dass familienfreundliche Strukturen dazu führen, dass es weniger Abgänge und Neubesetzungen gibt, und es dadurch zu Kosteneinsparungen kommt.

Vier Teamleiter ersetzen Chef

Dies belegen zahlreiche konkrete Beispiele von Firmen: In der Raiffeisen-Bank arbeiten 18 Prozent der Kaderangestellten Teilzeit. Bei der Rechtsversicherung Orion mit Sitz in Basel sind es sogar 50 Prozent, «oft kombiniert mit Homeoffice», wird ein Sprecher in einer aufgelegten Informationsbroschüre zitiert.

Die Axa Winterthur – gemäss eigenen Angaben ein Vorzeigebetrieb in Sachen Familienfreundlichkeit – schreibt sämtliche Stellen auch zu 80 Prozent aus, was dazu geführt habe, dass die Anzahl Frauen in Führungspositionen seit 2008 um 80 Prozent zugenommen hat. Und ein Ingenieurbüro in Arlesheim hat seinen Chef durch ein Job-Sharing-Team von vier Teamleitern ersetzt, «bisher mit grossem Erfolg», steht dazu in der Broschüre.

Dass diese positiven Beispiele kaum nachgemacht werden, dafür hat Unternehmensberaterin Koch eine einleuchtende Erklärung: Die Unternehmen hätten Angst, dass sie ein Alleinstellungsmerkmal verlieren könnten und damit auf dem Arbeitsmarkt an Attraktivität einbüssten.

Dieser Äusserung Kochs widersprach jedoch die Konzernchefin der Bank Cler, Sandra Lienhart. «Nachahmen ist ausdrücklich erlaubt, ja sogar erwünscht», sagte sie auf dem Podium. Und sie fügte an, dass der Vorsprung der ehemaligen Bank Coop in Bezug auf Familienfreundlichkeit so gross sei, dass sie keine Angst habe, dass ihr die Konkurrenz den Rang ablaufe. «Familienfreundlichkeit, das muss quasi ins Erbmaterial einer Firma übergehen – und das dauert.»