Sie haben die Bühne noch nicht einmal betreten, und doch haben Die Toten Hosen ihr Publikum schon im Sack. Kurz nach 21 Uhr werden am linken und rechten Rand schwarze Fahnen mit dem band-typischen Totenkopfadler darauf an Seilen nach oben gezogen. Aus dem Hintergrund erklingt die Melodie von «You’ll never walk alone». Jenem Song also, der jeweils das Ende der Konzerte der Deutschen Punkrock-Band bedeutet. Auf den drei grossen Bildschirmen wird ein Video eingespielt, schwarz-weiss, versehen mit einem leichten Blaustich.

Es zeigt die fünf Bandmitglieder um Frontmann Campino in einem Auto sitzen. Und spätestens, als ein mit «Basel» geziertes Strassenschild eingeblendet wird, rasten die knapp 10'000 Zuschauer ein erstes Mal aus. «Guten Abend Baseeeeel!», ruft Campino in die grölende Menge, bevor er mit «Urknall» den ersten Song des Abends anstimmt.

«Tage wie diese» aus dem Album «Ballast der Republik» der Toten Hosen

«Tage wie diese» aus dem Album «Ballast der Republik» der Toten Hosen

Der mittlerweile 55-jährige Frontmann, mit bürgerlichem Namen Andres Frege, ist in Stimmung. «Es ist ein Dienstag und damit allerhöchste Zeit, dass das Wochenende endlich beginnt!» Es ist ein Versprechen, aus diesem Abend einen ganz speziellen zu machen. Und es ist nicht das einzige. «Vor fünf Jahren waren wir zuletzt hier in Basel. Und heute wollen wir diesen Abend toppen!» In der Zwischenzeit waren sie der Schweiz zwar nicht fern geblieben, beehrten jedoch nur Zürich und diverse Festivals mit ihren nach wie vor unheimlich begehrten und beliebten Live-Shows. Die Toten Hosen stehen seit ihrer Band-Gründung vor 35 Jahren dafür, live immer noch eine Schippe drauf legen zu können im Vergleich zu den Studio-Aufnahmen. Stehen sie erst einmal auf der Bühne, sind sie entfesselt. Ein Erlebnis. Eines, das man als Musikfan mindestens einmal erlebt haben sollte. Und eines, das wie gewöhnlich bei ihren Konzerten vom kleinen Kind bis hin zum Pensionierten alle Altersgruppen in die Basler Joggelihalle strömen lässt. Die Mehrheit passend angezogen mit einem Bandshirt von früheren Auftritten.

Ein deutliches Statement

Nach der Wiedergabe diverser Songs ihres aktuellen Albums «Laune der Natur» – dem zehnten Nummer-1-Album der Band– werden es mit zunehmender Dauer des Konzert immer mehr die Klassiker, die Campino inbrünstig und emotional hinschmettert. In seiner kratzigen, tiefen Stimme werden die mit dem jeweils dargebotenen Songs verbundenen Emotionen übertragen. Ob es nun die Sehnsucht nach vergangenen Tagen ist wie in «Altes Fieber», die Traurigkeit in «Nur zu Besuch» oder die scheinbare Hoffnungslosigkeit in «Steh auf, wenn du am Boden bist». Die Authentizität in der Stimme, etwas, was Campino auszeichnet, packt das Publikum. Es werden Feuerzeuge und Iphone-Taschenlampen in die Höhe gehalten oder sich wie immer bei «Steh auf, wenn du am Boden bist», auf den Boden gekauert.

Die Konzerte der Toten Hosen sind immer eine Gefühlsachterbahn. Sie können ebenso gut Party machen, von Alkohol und rauschenden Nächten singen wie von ernsten Themen. Und was wäre ein Konzert der Toten Hosen, ohne eine kleine Episode aus dem Leben von Campino? Eben. Daher kramte er am Dienstagabend in seinen Erinnerungen. «Das muss ich euch erzählen», fängt er an und berichtet davon, was er wohl bis an sein Lebensende mit Basel verbinden würde: «Hier hatte ich die beste Erbsensuppe meines Lebens! Eine Frau namens Betty hat sie uns zubereitet. Das werde ich nie vergessen», sagt er und setzt zum nächsten Titel an.

Doch noch viel mehr als diese kleine Story hat Campino an diesem Abend etwas Anderes auf dem Herzen: Die aktuelle politische Lage, die Rechtsrutsche, machen dem bekennenden Anti-Nazi zu schaffen. Mit dem sonst selten an Konzerten gespielten Song «Sascha ... ein aufrechter Deutscher», dessen Protagonist Sascha stellvertretend für alle rechtsextremen Deutschen steht, macht er dies deutlich und findet beim Publikum sofort Unterstützung. «Nazis raus!»-Rufe hallten durch die Halle. Mit dem anschliessend performten «Moorsoldaten-Lied», ein von KZ-Häftlingen geschriebener und von den Nazis verbotener Titel von 1933, rundet die Band das auch für sie unüblich deutliche politische Statement ab.

Nach einer kleinen Pause sind es dann wieder die weniger tiefgründigen, ausgelassenen Songs wie «Eisgekühlter Bommerlunder» oder «Strom», die die Oberhand bekommen. Schliesslich will man die Show von vor fünf Jahren toppen - auch stimmungsmässig. Und das gelingt. Das Publikum ist noch lauter, noch launiger und vor allem in noch grösserer Ekstase als beim letzten Besuch der Hosen in Basel. Als dann nach zweieinhalbstündiger Show zum Schluss «You’ll never walk alone» zum Besten gegeben wird, wird damit ein perfekter Abend abgerundet. Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt, getrieben von der Hoffnung, dass man in Basel nicht noch einmal fünf Jahre auf das nächste Konzert wird warten müssen.