Rushdie ergänzte: «Wer heute nicht sagen kann, was ihn ärgert, hat keine wirkliche Identität. Um eine wirkliche Identität zu haben, muss man sich offenbar ärgern.»

Wir definieren uns immer stärker über das, was wir ablehnen. Gerade in der Politik. Die letzten Volksinitiativen, die das Stimmvolk angenommen hat, waren allesamt Initiativen gegen etwas: gegen die Abzockerei, gegen den uferlosen Bau von Zweitwohnungen, gegen kriminelle Ausländer, gegen den Bau von Minaretten, gegen Gentechnik in der Landwirtschaft. Offenbar ist es sehr viel einfacher, Menschen gegen Minarette zu mobilisieren als für Toleranz, um nur ein Beispiel zu nennen.

Das gilt nicht nur national, es gilt auch für die Stadt Basel. Es scheint einfach zu sein, Menschen gegen etwas zu mobilisieren. Gegen das Militärmusikfestival Tattoo zum Beispiel, respektive gegen Toiletten am Tattoo. Gegen einen Neubau des Stadtcasinos. Gegen den Bau des Claraturms am Messeplatz. Oder gegen «Wohnraum als Luxus», wie das junge Hausbesetzer diese Woche gleich mehrmals demonstrierten, indem sie leer stehende Liegenschaften besetzt haben. Oder ganz generell: gegen Ausländer.

Im Zentrum steht also, was wir nicht mögen, was uns wütend macht. Genau wie es Salman Rushdie sagt. Empörung als Stifterin von Identität. Das Resultat: Wutbürger.

Menschen, die sich nur noch über ihre Wut definieren. Wutbürger wehren sich gegen Wandel. Sie empören sich über Politiker - und nicht nur über sie. Vor allem aber blockieren Wutbürger Neues. Ob Stadtcasino, Spitalneubau oder Claraturm: Wutbürger sind dagegen.

Dagegensein ist einfach. Es ist viel einfacher, sich über etwas aufzuregen, als etwas aufzubauen. Möglich, dass der Ärger, wie Salma Rushdie sagt, Identität stiftet. Die Stadt Basel, die Region kann sich nicht wie ein Mensch gegen etwas definieren. Basel braucht Bewegung, Projekte, eine Zukunft. Wutbürger, vom Anti-EU-Aktivist bis zum Häuserbesetzer, handeln letztlich egoistisch. Und kurzsichtig. Langfristig braucht die Stadt, die Region, das Land Menschen, die sich für etwas engagieren, die sich darüber definieren, was sie mögen. Wut verschafft uns keine Zukunft. Freude schon.