Was hat das Atlantis Basel in seinen 70 Jahren nicht schon alles durchgemacht: Bewacht von lebendigen Alligatoren, erlebte die Jazzszene hier ihren aufrührerischen Höhenflug. Später versetzten Bands wie Les Sauterelles oder Black Sabbath die Jugend in Ekstase.

In den 70er- und 80er-Jahren stieg das «-tis» zum bedeutendsten Liveclub der Schweiz auf, ehe es in den 90ern unterging. Konkurs, inklusive Besetzung durch einen stadtbekannten Ganoven. Unter Jürg Wartmann kehrte im neuen Jahrtausend wieder Ruhe ein, allerdings auch, was die Konzerte anging.

Das möchten die neuen Besitzerfamilien Andreetti/Krayer/Rey seit 2014 ändern – allerdings mit Anlaufschwierigkeiten. Zwei Umbauphasen verhalfen dem Lokal noch nicht zum erhofften Comeback, weshalb auf Sommer 2018 allen Mitarbeitern gekündigt und die Pacht neu ausgeschrieben wurde. Es galt, Gastronomie und Kultur in Einklang zu bringen.

Parterre hat das Rennen gemacht

Den Zuschlag erhielt die Parterre Gruppe, die den Crossoverbetrieb von Restaurant und Club bereits im Kleinbasel praktiziert. Geschäftsführer Peter Sterli übernahm vier Mitarbeiter des alten Atlantis-Teams, darunter die bisherige Konzertbookerin Tanja Schmid und die Wirtin Louise Zitzer.

Was hat das Lokal gastronomisch vor? «Frische, regionale Zutaten, nachhaltig verarbeitet», sagt Zitzer. Man wolle dem Foodwaste entgegenwirken. Das zeigt auch der Blick auf die Mittagsmenüs: Da findet sich Trendiges wie zum Beispiel Romanesco mit Quinoa, Quitten und Randenchips, aber auch währschafte Verwertung wie Kutteln an Rotwein-Jus.

Ziel ist es, die Stammkundschaft, die in der Vergangenheit ob der diversen Richtungswechsel im Atlantis irritiert worden ist, zurückzuholen. Und sei es auch nur für einen Drink: Hinter dem Tresen steht mit Christian Hausmann ein preisgekrönter Bartender, der in den Jahren zuvor im Hinterhof und Hinz&Kunz gearbeitet hat.

Solche Sonder-Efforts sind notwendig, denn gab es in den goldenen Jahrzehnten des Atlantis nichts Vergleichbares in Basel, so sieht sich das Lokal heute grosser Konkurrenz gegenüber. Das weiss auch Peter Sterli: «Das Atlantis ist eine Herausforderung, da gibt es nichts zu beschönigen. Wir müssen unsere Ziele laufend überprüfen, schauen, was funktioniert. Im Moment ist der Fokus: Ein Kulturrestaurant, so wie es das früher war», sagt Sterli, der als CEO der Parterre Gruppe insgesamt 16 Betriebe führt. «Wir sind nicht so naiv zu glauben, dass das Atlantis sofort wieder funktionieren würde. Es ist uns bewusst, dass wir einen bisschen Schnauf haben müssen.»

Da hilft einerseits, dass der Pachtzins der Besitzer «sehr fair» sei. Und andererseits die Unterstützung durch die Mäzenin und Mitbesitzerin Yvonne Hürlimann-Hockenjos, die das Parterre substanziell mitträgt. «Ihr ist die Kultur zum Glück so wichtig wie uns», sagt Peter Sterli.

Mit dem Zuwachs durch das Atlantis wurde der Förderverein für Kultur & Soziales Parterre Basel ausgebaut und ausgelagert. Er verfügt nun über ein eigenes Budget, um Konzerte durchzuführen.

Ein neunköpfiges Team unter der Leitung von Lawrence Pawelzik koordiniert, plant und bucht alle Veranstaltungen fürs Parterre und fürs Atlantis. Wie funktioniert das in einer Zeit, in der Live-Konzerte in der Regel defizitär sind? «Jeder unserer Gastrobetriebe zahlt eine Kulturabgabe, die vom Umsatz abhängt», erklärt Peter Sterli. Hinzu kämen, ganz wichtig, die Beiträge von Sponsoren und Mäzenen. «Vom Kanton hingegen erhalten wir nichts.»

Parterre wird urbaner als das «-tis»

Was in den vergangenen Wochen auffiel: Einige Parterre-Klassiker wurden ins Atlantis verschoben. Unlängst war etwa Maria Doyle Kennedy, die jährlich im Parterre auftrat, im «-tis» zu erleben. Im Gegenzug trägt das Parterre-Programm verstärkt die Handschrift von Nic Plésel, der zum Booking-Team gehört und seine Spezialitäten, Black Music und Old School Hip Hop, auf die Bühne brachte. Zum Beispiel die US-Legenden Coolio und Sugarhill Gang. Das Parterre als Bühne für urbanere Sounds? Trifft durchaus zu. «Im Atlantis setzen wir hingegen auf ‹Back to the Roots›», sagt Lawrence Pawelzik, «Rock, Jazz, Blues.»

Back to the Roots lautet auch das Ziel, was die Veranstaltungsdichte angeht. Peter Sterli hätte am liebsten jeden Abend Livemusik im «-tis», doch fügt er augenzwinkernd hinzu: «Louise beharrt auf einem Wirtesonntag.»

Im Moment strebt man daher drei bis vier Veranstaltungen die Woche an im Kultlokal am Klosterberg. Dabei sind Klassiker wie die Mundartband Span, die im November gleich zweimal das Haus hätten ausverkaufen können, ebenso angesagt wie regionale Albumtaufen. Die ersten Wochen waren zufriedenstellend, sagt das neue Team. «Konzerte laufen im Atlantis besser als im Parterre», stellt Lawrence Pawelzik fest. «Vor allem ist das Atlantis-Publikum eher gewillt, Eintritt zu zahlen.»

Nina Hagen hat abgesagt

Was im «-tis» dafür nachteilhaft ist: die kleinen Platzverhältnisse on stage. «Nina Hagen hat abgesagt, weil sie unbedingt einen Flügel auf der Bühne haben wollte, was den Rahmen gesprengt hätte. Und auch Maceo Parker wünschte sich mehr Platz», sagt Pawelzik.

Das erstaunt insofern, als dass Parker, der legendäre Saxofonist von James Brown, auf dieser Bühne vor 20 Jahren live zu erleben war. Nun, tröstlich, dass sein alter Weggefährte zugesagt hat: Fred Wesley wird ins «-tis» zurückkehren, ebenso die holländische Saxofonistin Candy Dulfer. Beide konnte man in den 90er-Jahren im Atlantis erleben.

Und wie sieht das Wochen-Konzept aus? «Im Moment setzen wir Mittwoch, Donnerstag und Samstag auf grössere Konzerte, die auch Eintritt kosten», sagt Tanja Schmid, die sich mit Leila Naas spezifisch ums Atlantis-Booking kümmert. «Dienstag und Freitag sind Gastroabende mit Live-Hintergrundmusik. Da gibt es Jam-Sessions von Jazzstudierenden.»

Fünf Abende die Woche Livemusik, das ist ein hehres Ziel. Um das zu erreichen, will man auch mit externen Partnern zusammenarbeiten. So hat sich etwa die etablierte Konzertreihe Groove Now entschieden, im Atlantis zu bleiben. Und auch mit Bscene, dem Bluesfestival Basel oder dem RFV will man weiterhin zusammenarbeiten.