René Lasartesse ist in seinem Leben häufig hingefallen. Es gehörte zu seinem Beruf. Dafür durfte er auch andere aufs Kreuz legen. Am Ende blieb meist er der Sieger. Er, der Fiesling. Er, der Arrogante. Er, der Bösewicht. Das war seine Rolle – er liebte sie.

Am Sonntag feiert Lasartesse den 90. Geburtstag. Er ist der erfolgreichste Catcher, den die Schweiz hervorgebracht hat. Heute heisst der Show-Kampfsport Wrestling, doch früher ging es im Ring ähnlich rabiat zu und her. Wenn nicht sogar brutaler, blutiger. Vier Jahrzehnte lang tingelte Lasartesse – Kampfgewicht 125 Kilo, Grösse 1,97 Meter – durch die Lande, von einer Halle zur nächsten. Gegen 12'000 Profikämpfe absolvierte er, den letzten mit 69.

Einem breiten Publikum bekannt wurde Lasartesse mit seinem Auftritt in «Faustrecht», einer Dokumentation über die Basler Ultra-Szene (ab 12:53):

Das hat Spuren hinterlassen. Einmal zog ihm ein Zuschauer einen Gartenstuhl von hinten über den Schädel. Als sich Lasartesse umdrehte, kam noch eine Faust hintendrein. Er verlor fast alle Zähne. Lasartesse, der mit bürgerlichem Namen Edouard Probst heisst, kann heute lachen, wenn er von solchen Szenen erzählt. «Wenn ich im Spital bin», sagt er, «dann strömen immer alle Krankenschwestern und Ärzte zusammen, um meine Röntgenbilder zu bestaunen.»

Ohren wie Blumenkohl

Aber er blieb fit. Trotz der Brüche und Schläge. Nur die Ohren. Sie erinnern an Blumenkohl, aber auch das gehöre «halt zum Berufsrisiko», sagt er. Die Katastrophe, die ereilte den Catch-Weltmeister ausserhalb des Boxrings. Es war Jahr 2002, oberhalb von Ettingen. Lasartesse war, wie so oft, mit seinem Motorrad unterwegs. Ein Auto kam ihm entgegen, eine Probefahrt, der Fahrer fand sich mit der Schaltung nicht zurecht, in einer Kurve geriet er auf die Gegenfahrbahn. Aber da war Lasartesse.

Der flog durch die Luft, stürzte einen Hang hinunter. Als er wieder zu sich kam, bemerkte er, dass ihm das linke Bein fehlte. Er fragte einen herbeigeeilten Helfer, wo denn sein Bein sei? Der schaute sich um und antwortete dann: «Sie sitzen drauf.»

Es tue immer noch weh, sagt Lasartesse und zeigt auf die Stelle, wo die Ärzte den linken Unterschenkel amputierten, gleich unterhalb des Knies. Zwar besitzt der Ex-Profisportler eine moderne Prothese. «Aber es ist nicht dasselbe.» Er habe Mühe mit dem Gehen. Seit einigen Jahren benötigt er einen Stock.

So, wie gerade jetzt. Fürs Foto soll er posieren, böse schauen, wie er das sein ganzes Berufsleben lang machte. Das löst Heiterkeit aus im Hause Lasartesse-Probst. Frau Angela ist da, ebenso ihre Schwester aus Köln, es gibt Kaffee und Kuchen. In den 90er-Jahren bezog das Paar die Wohnung im Parterre eines Mehrfamilienhauses in Reinach, mit Blick ins Grüne.

Bösewicht aus Zufall

Jetzt werden Erinnerungen aus dem Keller geholt: Pokale, Fotos, Zeitungsausschnitte, Plakate. Etwa eines aus Japan. Lasartesse erinnert sich, als wäre es gestern gewesen. «Ui, das war ein ganz Fieser!», sagt er über den damaligen Gegner. «Da musstest Du unglaublich aufpassen, sonst hast Du Dir was eingefangen.» Catchen – das war eben nicht nur Show. Mit den Profis habe man sich abgesprochen, die hätten angekündigt, welchen Schlag sie ausführen. Bei den Halb-Profis aber sei es anders gewesen, vor allem, wenn sie in der eigenen Stadt kämpften: «Die wollten glänzen.»

Swiss Wrestling nahm Lasartesse in die Hall of Fame auf.

Das Publikum hatte Lasartesse kaum je auf seiner Seite. Im Ring erträgt es keine Grautöne: Hier gut – dort böse. Dabei sei das ein Zufall gewesen mit seiner Rolle, erzählt Lasartesse: In Karlsruhe sei das gewesen, ganz zu Beginn seiner Karriere. Er habe die Ansage überhört, derart konzentriert sei er gewesen vor dem Kampf. Da hätten schon die ersten Zuschauer gerufen: «He, Du arrogante Sau, willst Du Dich uns nicht vorstellen? Fühlst Du Dich als etwas Besseres?» Er habe gemerkt: «He, das funktioniert. Das ist gut!»

Von da an mimte er den arroganten Franzosen. Er, der gebürtige Jurassier, der als Kind nach Basel kam. Der «Spiegel» verlieh ihm später den Titel «eleganter Bösewicht».

Plötzlich ein Deutscher

1957 der Seitenwechsel. Lasartesse erhielt eine Anfrage aus den USA, flog nach New York. In den Staaten war er nicht mehr «L’Aristocrat du Catch», so sein Beiname in Europa, sondern Ludwig von Krupp, ein Deutscher. Es ist klar, was die Amerikaner im Schilde führten, zwölf Jahre nach dem Sieg über Hitler: Der Schweizer soll den Arier mimen, den Übermenschen – und Lasartesse fügte sich. «Sie wollten auch, dass ich mir die Haare blond färbe. Ich dachte mir: ‹Na gut, was bleibt dir anderes übrig? Diese Chance kriegst du nur einmal.›»

Seine Frau Angela konnte er nicht täuschen mit seiner Maskerade. Es war im Jahr 1968, Lasartesse kämpfte wieder einmal in Berlin, Angelas Heimatstadt, in der Halle «Neue Welt», Bezirk Neukölln. Der Hüne gefiel ihr, sie sah, dass er einen Wagen mit «BS»-Nummernschild fuhr. Sie hatte Bekannte in Basel, rief sie an, fragte, ob sie einen René Lasartesse kennen würden. «Die lachten», sagt Angela. «Sie sagten: ‹Ah, Du meinst den Probst Edi?›» Mit dieser Information sei sie zu ihm gegangen, er habe aber gesagt, er werde oft verwechselt. Kurz Zeit später kamen sie zusammen. Und blieben es.

Flog im Privat-Flugzeug zu den Kämpfen

Lasartesse wurde 1971 Vater einer Tochter. Wegen der Familie stellte er seine Reisegewohnheiten um, kaufte sich ein Wohnmobil. Bis dahin war er jahrelang von einem Auftrittsort zum anderen geflogen, mit seinem eigenen Flugzeug, zuerst mit einer Morane, dann mit einer Cessna. «Am Nachmittag Perpignan, am Abend Marseille: Das war so alles möglich.»

Heute schaut sich Lasartesse kaum noch Kämpfe an, auch nicht am TV. Wrestling sei athletischer geworden, professioneller, schneller. Er selber kam als 18-Jähriger zum Catchen. Eine Gruppe Kämpfer war gerade in der Gegend, er sah sich einen Fight an, ging danach zum Veranstalter, sagte, er wolle mitmachen. Schon damals war er ein Kraftpaket, betrieb Körperkultur, also Bodybuilding, boxte auch und ringte. «Sie sagten, ich sei einwandfrei, körperlich und mental, aber sie müssten mich warnen: ‹Dich erwartet die Hölle!›»

Die Höllenfahrt führte ihn auf alle Kontinente. Er kämpfte in den grossen Hallen: Madison Square Garden New York, Sportpaleis Antwerpen; Élysée Montmartre Paris. Heute sind keine grossen Sprünge mehr möglich. Im Sommer reist er mit Frau Angela noch auf Mallorca, wo Tochter und Enkelin leben.

Was er sich zum 90. Geburtstag wünsche? Er überlegt, blickt zu seiner Frau, die neben ihm sitzt. Dann sagt er, ein paar Jährchen halte er es schon noch aus. Und wenn er gut gepflegt werde und weiterhin gut zu essen kriege, nehme er das nächste Ziel in Angriff. «Dann werde ich 100!»