Nichts wünscht er sich mehr, als in Würde zu sterben. Der angesehene australische Wissenschaftler David W. Goodall ist stolze 104 Jahre alt. Doch das Alter macht dem emeritierten Professor zu schaffen. Er bereue, so alt geworden zu sein, sagt er an seinem Geburtstag, dem 4. April, in einem Interview zum australischen Sender «ABC». Er wolle sterben. 

Problem: Goodall ist nicht «unheilbar krank»

Der 104-Jährige ist seit fast 20 Jahren Mitglied der Sterbehilfsorganisation Exit International. Doch Australien hat die Sterbebegleitung Ende der 90er-Jahre verboten. Zwar führt der kleinste der sechs australischen Bundesstaaten, Victoria, die Sterbebegleitung 2019 wieder ein, doch Goodall, der im grössten Bundesstaat West Australien bei Perth lebt, nützt das nichts. Denn in Victoria soll der begleitete Freitod nur für Menschen erlaubt sein, die «terminal ill» sind, also unheilbar krank mit einer Lebenserwartung von maximal sechs Monaten.

Goodall aber ist bloss alt, sehr alt. Mit 90 musste er aufhören, Tennis zu spielen. Mittlerweile hat vor allem seine Sehkraft stark nachgelassen und nach einem Sturz in seiner Ein-Zimmer-Wohnung vor ein paar Monaten verboten ihm die Ärzte, jemals wieder die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen oder alleine die Strasse zu überqueren, wie «ABC» berichtet.

An seinem 104. Geburtstag wünscht sich David Goodall zu sterben

Der 104-jährige David Goodall wünscht sich zu sterben

Im Beitrag des australischen Senders ABC erzählt David Goodall, dass er nichts lieber wolle als zu sterben. Der 104-jährige Professor ist seit etlichen Jahren Mitglied bei der Sterbehilfsorganisation Exit International. Doch Sterbebegleitung ist in seiner Heimat Australien verboten.

17'000 Dollar für Flug nach Basel gesammelt

Mit der Unterstützung von Exit International und dem australischen Arzt und Freitod-Befürworter Philip Nitschke konnte Goodall nun eine Reise in die Schweiz organisieren. Über die Crowdfunding-Plattform «gofundme» sammelte er über 17'000 Dollar in nur sieben Tagen. So wird ihm ein Flug in der ersten Klasse von Perth nach Basel ermöglicht, um zu verhindern, dass Goodall bereits den Flugstrapazen erliegt.

In australischen Medien war heute Montag von Basel als Zielort und der Sterbehilfsorganisation Life Circle zu lesen. Diese gehört der Biel-Benkemer Sterbebegleiterin Erika Preisig. Die bz erreicht sie heute Mittag kurz vor dem Abflug in die Ferien. Mit Hinweis auf die Schweigepflicht möchte Preisig nicht offenlegen, dass David Goodall zu ihr kommen wird.

Sie dementiert es aber auch nicht und lässt die australischen Newsberichte für sich sprechen. Es darf also davon ausgegangen werden, dass der australische Höchstbetagte zu ihr kommt. Dass Goodall bereits am Mittwoch anreist, spricht auch nicht dagegen. Preisig: «Oft reisen die Menschen viel früher aus dem Ausland in die Schweiz, auch, um sich noch vom anstrengenden Flug erholen zu können.»

Preisig dankt Goodall für seinen Kampf

Ganz generell hält Preisig fest, dass sie Goodalls Kampf für einen selbstbestimmten Tod in Australien unterstützt: «Wir wollen die weltweite Legalisierung der Sterbebegleitung, daher ist eine solche Aufmerksamkeit, wie sie David Goodall generiert, sehr wertvoll für uns. Dafür bin ich ihm extrem dankbar. Wir brauchen noch mehr Goodalls, die öffentlich machen, dass sie um die halbe Welt reisen müssen, nur um würdig sterben zu können.»

Gar kein Verständnis hat Preisig für die australischen Behörden, wo zwar nach dem Entscheid des Bundesstaates Victoria auch landesweit die Legalisierung der Sterbehilfe wieder diskutiert wird, dies aber eben nur mit der Beschränkung auf unheilbar Kranke. «Ich frage Sie, ist jemand mit 104 Jahren noch gesund? Hat man dann keine unheilbare Krankheit? Die Hör- und Sehkraft ist stark eingeschränkt, Arthrose ist nicht mehr aufzuhalten, es bestehen erhöhte Risiken für einen Herz- oder Hirnschlag. Ich versichere Ihnen also, David Goodall hat diverse unheilbare Krankheiten.»

Goodall ist in Australien kein Unbekannter

1914 in London geboren, migrierte David Goodall 1948 nach Australien, wo er zu einem der führenden Professoren für Botanik und Ökologie wurde. Er gilt als der älteste Wissenschaftler des Kontinents und erreichte zusätzlich Berühmtheit, als er 2016 von der Edith Cowan Universität hinaus geschmissen werden sollte - weil er ein Sicherheitsrisiko für sich und andere darstelle. Nach einem Aufschrei des Protests in der Öffentlichkeit machte die Universität ihren Entscheid rückgängig.