Es ist in mehrfacher Hinsicht einzigartig und bemerkenswert, was der Laufner Bonbonhersteller Ricola mit den renommierten Basler Architekten Herzog & de Meuron realisiert hat. Das neue, 16 Millionen Franken teure Kräuterzentrum am Ortsausgang von Laufen Richtung Wahlen ist weit mehr als eine neue industrielle Halle. Für das Unternehmen ist es ein Meilenstein in der erfolgreichen, mittlerweile 84-jährigen Geschichte.

Laufen und die Region freuen sich über ein Bekenntnis eines bedeutenden Arbeitgebers mit 400 Mitarbeitenden. Aus architektonischer Sicht hat das von Herzog & de Meuron entworfene Gebäude das Zeug zu einer – weiteren – Ikone. Das Gebäude verspricht, dem ökologisch interessanten Lehmbau neue Impulse zu verleihen.

Lokal verwurzelt und weltoffen

Doch der Reihe nach: Geboren wurde das Kräuterzentrum aus dem einfachen Bedürfnis der Ricola, ihre berühmten 13 Kräuter an einem einzigen Ort und aus einer Hand verarbeiten zu können. Laut CEO und Verwaltungsratspräsident Felix Richterich geschah dies bisher in einem eigenen «barackenähnlichen Gebäude» und in angemieteten Räumen. Zudem arbeitete die Ricola mit der Ostschweizer Dixa AG zusammen, welche die Kräuter schnitt. Das ist nun passé: Im Kräuterzentrum an der Wahlenstrasse unmittelbar neben der 2006 gebauten Bonbonfabrik werden die Kräuter zur Herstellung der Bonbons künftig getrocknet, gereinigt, geschnitten, gelagert und nach der Geheimrezeptur gemischt.

Für die Ricola ist der Neubau mit einem Bekenntnis zum Hauptsitz Laufen sowie zum Standort Schweiz verbunden. Die Ricola ist längst ein internationales Unternehmen: Rund 90 Prozent der Produktion werden im Ausland verkauft, die Ricola unterhält Büros in den USA und Singapur. Das Unternehmen kämpft mit hohen Lohnkosten und notorisch starkem Franken. Für Regierungspräsident Urs Wüthrich ist es nicht selbstverständlich, dass Ricola dem vor 84 Jahren gewählten Standort treu bleibe. Felix Richterich will den nachteiligen Faktoren trotzen, indem er die Bonbons international als Swiss-made-Premiumprodukt positioniert.

Grösstes Lehmgebäude Europas

Bruder Lukas Richterich verweist auf die Tradition als Familienunternehmen, das Werte wie lokale Verwurzelung mit internationaler Offenheit paart – und in dem Kultur hohen Stellenwert geniesst. Bereits zum siebten Mal hat haben die Richterichs beim Kräuterzentrum mit Herzog & de Meuron zusammengearbeitet. Die Unternehmerfamilie verbindet eine Freundschaft mit dem weltweit tätigen Architekturbüro, die bis zu dessen Anfängen zurückreicht. An den für Ricola realisierten Bauten lässt sich die Entwicklung von Herzog & de Meuron ablesen. Es verwundert nicht, pilgern immer mehr Architekturfans nach Laufen, um das einzigartige Ensemble von HdM-Bauten zu bestaunen.

Mit dem Kräuterzentrum wird sich diese magnetische Kraft noch verstärken. Lukas Richterich betont zwar, dass der neue Lehmbau «keine Prestigearchitektur» darstelle, sondern Ausdruck der Identität und des Selbstverständnisses von Ricola sei. Tatsache bleibt: Mit 110 Meter Länge, 30 Meter Breite und elf Meter Höhe ist das Kräuterzentrum das grösste zeitgenössische Lehmgebäude Europas. «Es wird dem Lehmbau international neue Impulse verleihen», glaubt der Österreicher Martin Rauch, der als führender Lehmbauexperte die Realisierung des Kräuterzentrums begleitet hat.

Weder heizen noch kühlen nötig

Der Lehmbau besteht buchstäblich aus der lokalen Natur: Zur Herstellung der Stampflehmfassade wurde Lehm aus einer Grube gleich neben dem Kräuterzentrum, Mergel aus Liesberg und Kies aus Büsserach verwendet. «Dieses Gebäude steht auf dem Material, aus dem es besteht», sagt Pierre de Meuron. Die Fassade besteht aus 660, 1,4 mal 3,4 Meter grossen Lehmplatten. Die Wand ist 45 Zentimeter dick; gemäss den Verantwortlichen werden drei Zentimeter im Laufe der Jahre wegen Regens erodieren – mehr nicht.

Betont werden die ökologischen Eigenschaften des Stampflehms: So muss der grosse Lagerraum weder beheizt noch gekühlt werden. «Das ist ein handwerkliches Gebäude, sagt de Meuron. Entsprechend teurer ist der Bau gegenüber einer konventionell mit Beton erstellten Halle geworden. Es entbehrt nicht der Ironie, dass der arbeitsintensive Lehmbau ausgerechnet in einer Region realisiert wurde, in der die Lohnkosten zu den höchsten der Welt zählen. Die Kosten sollen sich aber auszahlen – nicht «nur», weil sich Betriebskosten sparen lassen. Sondern auch, weil mit Architektur für eine Firma Identität gestiftet werden kann», wie es de Meuron formuliert.