Es waren Szenen wie aus einem Actionfilm. Eine Gruppe maskierter und bewaffneter Männer stürmt in ein Kampfsportcenter. Mit Schlagstöcken, Messern und einer Pistole bedrohen sie die Anwesenden und treiben sie in eine Ecke. Dann startet der Kampf der beiden Kontrahenten.

«1:1 mit Shemsi machen» sei sein Ziel, soll der portugiesische Kickboxer Paulo Balicha vor dem martialischen Überfall seinen Mittätern erklärt haben. Shemsi, das ist Balichas Erzrivale Shemsi Beqiri. Die früheren Freunde waren zu erbitterten Konkurrenten geworden, als Beqiri sein eigenes Kickboxcenter eröffnete und auch anfing, selber Kampfsportevents zu organisieren. Immer wieder gerieten die beiden aneinander, provozierten sich im Internet und forderten sich gegenseitig zum Duell.

Gericht am Anschlag

Das Zitat von Balicha stammt aus der Anklageschrift der Baselbieter Staatsanwaltschaft. Fast dreieinhalb Jahre dauerten die Ermittlungen im Fall Dojo. Alleine die Schlusseinvernahme mit allen Beteiligten erforderte eine logistische Meisterleistung. Auf 65 Seiten werden die angeklagten Straftaten der insgesamt 17 Männer aufgelistet: mehrfache versuchte schwere und einfache Körperverletzung, Angriff, Freiheitsberaubung, Hausfriedensbruch, Vergehen gegen das Waffengesetz. Dazu kommen weitere Nebenverfahren, denn mehrere der Angeklagten sind auch sonst mit dem Gesetz in Konflikt gekommen.

Über vier Jahre nach dem Überfall startet heute Montag nun der Prozess am Strafjustizzentrum in Muttenz. Es dürfte das aufwendigste Gerichtsverfahren sein, das das Baselbiet je erlebt hat. Fast 28 Tage sind für die Verhandlung reserviert. Die nächsten zwei Wochen finden die Befragungen statt. Die Urteile folgen dann im September.

Der Prozess bringt das Strafjustizzentrum an seine Grenzen. Der Gerichtssaal ist kaum gross genug für alle 17 Angeklagten plus ihre Rechtsvertreter plus die insgesamt 20 Privatkläger plus deren Rechtsvertreter plus das zu erwartende Grossaufgebot an Polizisten. Medien und die Öffentlichkeit müssen deshalb in einem Nebenzimmer Platz nehmen, wo der Prozess live übertragen wird.

Beqiri nicht als Zeuge geladen

Zur direkten Konfrontation der beiden Kontrahenten Balicha und Beqiri wird es zumindest im Gerichtssaal nicht kommen. Das Gericht hat entschieden, keine Zeugen zu laden – eine aussergewöhnliche Entscheidung. Beqiri fordert als Privatkläger eine Entschädigung von 50'000 Franken.

Tatsächlich soll Balicha laut Anklageschrift den Überfall gezielt geplant haben, um seinem Kontrahenten grösstmöglichen Schaden zuzufügen. Er wusste, dass Beqiri wenige Tage später einen wichtigen und einträglichen Kampf hatte. Auch hatte er den Überfall genau getimt, weil am Montagabend in Beqiris Superpro Sportcenter in Reinach das Kinder- und Jugendtraining stattfand.

Da in seinem Diamond Gym gleichzeitig ein Abschlusstraining für ein bevorstehendes Turnier anstand, war sich Balicha sicher, dass er einen genügend starken Schlägertrupp rekrutieren könnte. Dazu organisierte er noch mehrere Hooligans aus der FCB-Anhängerschaft. Als die Mittäter im Diamond Gym auf dem Wolf eintrafen, lagen Waffen und Masken bereit.

Video als Hauptbeweisstück

Der Schlägertrupp hatte die Aufgabe, Balicha den Rücken freizuhalten. Sie schüchterten die Anwesenden ein – darunter ein Efljähriger. Ausserdem sollten offenbar gezielt Beqiri und weitere Superpro-Kämpfer verprügelt werden. Das «1:1» schliesslich wurde von einem der Maskierten mit einer Kamera aufgenommen. Vermutlich wollte der mit Drogen aufgeputschte Balicha den erwarteten Triumph über den Erzrivalen nutzen, um diesen noch weiter zu demütigen.

Doch es kam anders. Obwohl bereits verprügelt, schaffte es Beqiri im rund sieben Minuten langen Kampf, die Oberhand zu gewinnen. Als ein Mittäter Balicha zu Hilfe kam, eskalierte die Situation völlig.

Im Tumult ging die Kamera vergessen. Das Video ist nun das Hauptbeweisstück der Staatsanwaltschaft. Akribisch listet die Anklageschrift alle Techniken von Balicha auf, die selbst in den härtesten Kampfsportarten verboten sind, etwa Ellbogenschläge auf die Kehle, Würgen oder der Griff mit den Fingern in die Augen. Damit hat Balicha laut Anklage schwere bis lebensbedrohliche Verletzungen in Kauf genommen. Im Fall eines Schuldspruchs drohen ihm eine mehrjährige Haftstrafe und ein anschliessender Landesverweis.