Über hundert Schwimmer versuchen sie jedes Jahr. Nur wenige schaffen sie. Die Überquerung des Ärmelkanals vom englischen Dover zur französischen Hafenstadt Calais: 35 Kilometer Luftlinie, 18 Stunden im kalten Meerwasser und meterhohen Wellen. Bei einer solchen Distanz nicht aufzugeben sei die ultimative sportliche Herausforderung, weiss der 33-jährige Liestaler Shala Bashkim.

Angewöhnung ans kalte Wasser

Der leidenschaftliche Schwimmer und Extremsportler steigt diesen Sonntag um drei Uhr nachts in Dover ins kalte Wasser und wünscht sich nichts sehnlicher, als in Calais seinen Fuss auf Land zu setzen. Seit anfangs Woche ist er in der englischen Hafenstadt, um sich ans kalte Salzwasser zu gewöhnen.

«Ich suche nach einer Herausforderung, die mich körperlich ans Limit bringt», sagt er stolz. «Ich will spüren, wie weit ich gehen kann.» Mentale und physische Grenzen neu ausloten. Bashkim scheint es zu lieben, grosse Träume zu haben. Der sportliche Chemietechniker löste letztes Jahr seine Basler Wohnung auf und wanderte mit seiner Frau in die USA, nach New Jersey, aus.

Bei der dreiwöchigen Reise von Deutschland nach New York überquerte er mit dem Schiff den Ärmelkanal. Auf hoher See beschloss er, diesen schwimmend zu überqueren. Mittlerweile ist der gebürtige Meiringer, der kürzlich Vater wurde, in die Schweiz zurückgekehrt.

400 Trainingsstunden und 1000 Kilometer

Nach neun Trainingsmonaten in den USA, Teneriffa, Dover und in der Schweiz fühle er sich nun gut vorbereitet. Unzählige medizinische Checks, knapp 400 Trainingsstunden, über 1000 zurückgelegte Kilometer und unzählige Bäder in Eiswasser hat Bashkim hinter sich.

Was schon einige seiner Vorgänger zum Aufgeben gezwungen hat, sei die Kälte. Die Körpertemperatur sinke nach einigen Stunden stark. Wenn der Sportler nicht an die Kälte gewöhnt sei, könne dies lebensgefährlich werden. Mit Neoprenanzügen dürfen sich die Schwimmer auch in der Nacht nicht vor den tiefen Wassertemperaturen schützen. Die Channel Swimming Association (CSA) verlange für alle, die den Ärmelkanal überqueren, die gleichen Bedingungen wie bei der ersten Überquerung 1875 des Engländers Matthew Webb.

Aggressive Wellen

«Sich an die Kälte zu gewöhnen ist genau so wichtig wie die Kondition.» Zu seinem Vorteil habe er das Kältetraining in der Schweiz absolviert. «Ich habe in den kältesten Bergseen verharrt», erinnert er sich, lacht und klingt plötzlich nachdenklich. Rückschläge habe es auch gegeben. Besonders im Trainingslager im Juni in Dover sei ihm bewusst geworden, dass er die Bedingungen vor Ort, besonders den Wellengang nicht unterschätzen dürfe. Die Wellen seien sehr aggressiv. «Die erste Welle schlägt dir die Brille vom Gesicht und die zweite füllt dir sämtliche Gesichtsöffnungen mit Salzwasser. Du verlierst die Sicht, die Orientierung und die Motivation», schreibt er in seinem Blog nach dem Training.

Auch starke Schmerzen haben ihn schon einmal zum Aufgeben gezwungen. Beim 12-Stunden-Schwimmen in Estavayer-le-Lac zwangen ihn unerträgliche Schulterschmerzen dazu, das Wasser nach vier Stunden zu verlassen. Gold gewann er dennoch.

Alle 30 Minuten Flüssignahrung

Am Sonntag verlässt er sich auf den Kapitän seines Begleitboots, der für ihn die genaue Startzeit festgelegt hat. Das Begleitboot begleitet Bashkim nach den Vorschriften der CSA. Auf dem Boot befinden sich auch drei seiner Kollegen, die ihn jede halbe Stunde mit Flüssignahrung und Wasser versorgen. Der Druck steigt, sagt Bashkim und klingt aufgeregt. Er ist einer der letzten Schwimmer, die dieses Jahr den Kanal überqueren. Aufgrund der Wetterbedingungen sei dies wahrscheinlich seine einzige Chance.

Anfänglich gewillt, der Schnellste zu sein, will er es jetzt einfach schaffen. «Ich glaube an mich.» Und bevor ihn alle Kräfte verlassen, werde er an seine Frau und seinen Sohn denken, die bei einer Ankunft so stolz auf ihn wären.