Der Überfall fand im Oktober 2002 statt: Der damals 28-jährige Mann ging mit zwei Kumpeln zusammen zum Restaurant Mühle in Binningen und hielt dem Wirt eine Pistole an die Schläfe. Dieser schlug die Waffe weg, der Schuss ging in den Bauch, der Wirt überlebte.

Die genauen Hintergründe der Tat konnten nie geklärt werden, vermutlich ging es um eine Abrechnung im Drogenmilieu.

Waffe mit Ladehemmung

Bereits fünf Jahre zuvor wurde der Schütze in Basel wegen versuchter vorsätzlicher Tötung verurteilt: Er hatte damals nach einem Streit einem Türsteher die Waffe an die Schläfe gesetzt und abgedrückt. Die Sache ging nur deshalb glimpflich aus, weil die Waffe eine Ladehemmung hatte.

Die verhängte Freiheitsstrafe von acht Jahren hat der heute 45-jährige Mann längst abgesessen. Die Staatsanwaltschaft wollte ihn schon damals als gefährlichen Wiederholungstäter verwahren, die Gerichte beliessen es bei einer stationären Massnahme. Seine Probleme sind komplex: Laut Gutachter eine dissoziale Persönlichkeitsstörung mit paranoiden und narzisstischen Anteilen, dazu ist er hyperaktiv und leidet an ADHS. Er erhält Ritalin.

Freiheit wohl gar verführerisch

Die Therapiestunden hinter Gitter gingen mal besser, mal schlechter. Immerhin schaffte es der Mann nach vielen Jahren in den offenen Vollzug und wurde auf Ende 2016 entlassen: Das Baselbieter Kantonsgericht sah damals keine Grundlage mehr für eine weitere Freiheitsbeschränkung.

Kein Alkohol, keine Drogen, keine Waffen und Besuch der ambulanten Therapie lauteten die simplen Regeln nach der Entlassung. Doch die neue Freiheit war wohl etwas gar verführerisch: Man fand beim 45-Jährigen eine kleine Portion Kokain sowie eine alte Waffe samt Munition, wobei für diese Punkte noch die Unschuldsvermutung gilt: Das Basler Strafgericht muss darüber noch urteilen. Klar ist, dass die Kneipenbesuche nicht alkoholfrei über die Bühne gingen. Alkohol sei doch legal, betonte der Mann, er trinke lediglich kontrolliert zusammen mit Motorradclubs.

Die Silvesternacht 2016 verbrachte er in St. Moritz, weshalb er sich damals bei der forensischen Ambulanz in Basel kurzfristig entschuldigen liess. Im Januar war der Kokain-Test dann positiv. «In welcher Gesellschaft waren Sie dort?», fragte ein Richter gestern. «In einer nicht-kriminellen», antwortete der 45-jährige belustigt. Im März 2017 liess man ihn in seinen Ferien in Sardinien verhaften. Ob die Auslieferung rechtmässig war, ist umstritten.

Für Stirnrunzeln sorgten bei der Verhaftung auch Bilder auf dem Mobiltelefon des Mannes, die ihn zusammen mit polizeibekannten Gesichtern der «Hells Angels» zeigen. Der Mann war schon als Jugendlicher in der Basler Hooligan-Szene aktiv.

Sechs psychiatrische Gutachten

«Er war 17 Jahre in Haft oder im Vollzug, ohne neue Delinquenz, ohne Drohungen, ohne Tätlichkeiten. Das ist auch eine Leistung, es hat viele schwierige Menschen dort», betonte Verteidiger Alain Joset gestern im Baselbieter Strafgericht in Muttenz. «Er hatte ja keine Schusswaffe in der Zelle. Er verprügelt keine Leute, er erschiesst sie», entgegnete Staatsanwalt Stefan Fraefel.

Insgesamt sechs psychiatrische Gutachten sind in den vergangenen Jahren erstellt worden, die Experten sind sich nicht einig, wie gefährlich der Mann heute noch ist. Gross ist aber die Befürchtung, dass der Mann vollends in die alte Gewaltspirale gerät, wenn beispielsweise seine Freundin sich von ihm trennt. «Wenn die soziale Disintegration einsetzt, wird solch ein Delikt hochwahrscheinlich. Er wird sich nicht einfach alleine mit einer Bierflasche vor den Fernsehen setzen», warnte gestern ein Gutachter.

Der Verteidiger erachtet eine ambulante Überwachung als ausreichend, die Staatsanwaltschaft verlangt eine Verwahrung. Die fünf Richter fällen ihren Entscheid am Mittwoch.