Wir reden über die SBB-Bahnstrecke Olten–Sissach–Basel, die Pulsader des Kantons Baselland. Die schon am frühen Morgen vollbesetzten Züge seien Ausdruck von wirtschaftlichem Wohlstand und gesellschaftlichem Wandel zugleich.

Wir reden über demografische Veränderungen. Nach der Stadtflucht der 1970er- und 1990er-Jahre stelle er eine Gegenbewegung in Richtung der Zentren fest. Die Babyboomer kämen in ein Alter, in dem sie keine langen Wege mehr bewältigen möchten und darum ebenso die Nähe zu guten Verkehrsanbindungen wie Einkaufs- und Erholungsmöglichkeiten suchten.

In den peripheren Einfamilienhausquartieren und den Tafeljuradörfern werde es wieder ruhiger, dafür entwickelten sich Gebiete wie rund um die Bahnhöfe in Pratteln und Liestal im Schnellzugstempo.

Wir reden über das Überbauungsprojekt in der Muttenzer Hagnau. Vorbildlich sei dies. Verdichtetes Wohnen in Hochhäusern, breite Einkaufsmöglichkeiten im Joggeli-Shoppingcenter, Tram gleich vor der Türe und Erholungsmöglichkeiten auf der anderen Strassenseite auf dem bald renaturierten Schänzliareal entlang der Birs. Alles innerhalb eines Steinwurfs.

Dies sei sein persönliches Rezept gegen den alltäglichen Verkehrswahnsinn und die Pendlerstaus. Alles müsse wieder näher zueinander rücken, dann verkürzten sich auch die individuellen Wegstrecken. Die Kantonsregierung habe diese Entwicklung positiv beeinflusst, indem sie der Gemeinde Muttenz die kantonseigenen Flächen auf dem Schänzli im Baurecht überliess.

Wir reden, diese Überleitung liegt auf der Hand, über seine persönliche Wohnsituation in einer Baugenossenschaftssiedlung am Fusse des Südhangs von Sissach. Schon vor über 20 Jahren sei diese nach dem Grundsatz geplant worden, die Wohngebäude freiwillig mit geringeren Abständen zueinander zu erstellen und dafür ein 1500 Quadratmeter grosses Grün- und Spielplatzareal auszusparen.

Er wohnt im vordersten Doppelhaus. Die Lieblingsholzbank unten beim Hauseingang mit Aussicht auf den Belchen hat er soeben instandgestellt.

Erst nach mehr als einer Stunde reden wir über seine Arbeit als Baselbieter Sicherheitsdirektor. Isaac Reber, 57, diplomierter Geograf und ETH-Raumplaner, verheirateter Vater zweier erwachsener Töchter, nach seinem sensationellen Wahlsieg 2011 in die Baselbieter Sicherheitsdirektion hineingerutscht und seither dort geblieben.

Kampf gegen Cyber-Kriminelle

Wenn man den Gesprächsverlauf an diesem kalten Februarmorgen als Indikator nimmt, könnte man wirklich meinen, Reber würde im Regierungsrat lieber alles andere tun, als für die Sicherheit im Landkanton verantwortlich zu sein. Er lacht auf, so auf seine ganze eigene Art, stockt, holt Luft, bevor er antwortet. Diese Vermutung hat er schon oft gehört, ebenso oft dementiert, genauso wie die Frage nach einem allfälligen Wechsel in die Baudirektion.

Reber winkt ab: Auch für die weitere Entwicklung der Baselbieter Sicherheitsdirektion habe er noch viele Ideen, versichert er. «Wenn möglich ohne einen Millimeter des erreichten Sicherheitsstandards ‹draussen› preiszugeben, wird der Kampf gegen die Internet-Kriminalität der nächste grosse Schwerpunkt der Polizeiarbeit sein.» Polizei und Staatsanwaltschaft würden sich längst für das Thema «Cybercrime» fit machen.

Er selbst versuche, den Initiativen seines Polizeikommandanten Mark Burkhard für eine stärkere polizeiliche Zusammenarbeit auf nationaler Ebene politisches Gewicht zu verleihen. Als Präsident der Schweizerischen Kriminalprävention und des Programmausschusses Harmonisierung Polizeiinformatik Schweiz halte er zwei Positionen mit entsprechenden Einflussmöglichkeiten inne.

«Es hängt eben alles zusammen», führt er weiter aus. Dass im Baselbiet die Anzahl der Einbrüche um mehr als die Hälfte, jene der Gewaltdelikte um ein Drittel und jene der Velodiebstähle um 40 Prozent reduziert worden sei, mache die Bahnhofsgebiete attraktiver für neue Entwicklungsprojekte. «Wo sich die Menschen sicher fühlen, wollen sie gerne sein.»

Die gesamtheitliche Betrachtungsweise ist es, die für ihn stets den Kern seiner Regierungsaufgabe ausgemacht habe. Die auch dazu führte, dass er sich mit Überzeugung hinter die Sanierung des Kantonshaushalts habe stellen können, obschon gewisse Sparmassnahmen von seiner eigenen Partei aufs Heftigste bekämpft wurden. «Es ist in keinerlei Beziehung nachhaltig, auf Kosten der nächsten Generation Schulden zu machen», sagt Reber, und im Geiste sieht man CVP-Finanzdirektor Toni Lauber Reber zufrieden auf die Schultern klopfen.

Ausbruch ohne Folgen

Angenehme Nebenerscheinung seines bisherigen Wirkens in der Kollegialbehörde Regierungsrat: Die statistisch nachweisbaren Erfolge in der Kriminalitätsbekämpfung – «Baselland ist jetzt einer der sichersten Kantone», wiederholt er immer wieder gerne – haben Reber ebenso populär wie politisch unangreifbar gemacht.

Mit diesem Leistungsausweis im Rücken bleibt ein «Schämmer» wie der Arxhof-Ausbruch kurz vor der offiziellen Eröffnung der geschlossenen Abteilung ebenso folgenlos wie die vorausgegangenen personellen Wirren in der Jugenderziehungsanstalt oder das Störfeuer des entlassenen Polizeisprechers Meinrad Stöcklin.

Das Gespräch, das sich so lange um alles andere dreht als das eigentliche Thema, findet in der «Antica Pasticceria» statt, der italienischen Café-Bar am Gleis 1 des Liestaler Bahnhofs. Hier trinkt Reber täglich seinen Espresso, liest Zeitungen, hantiert am Smartphone, jeweils zwischen 7.02 und 7.20 Uhr. «Das ist mein persönlicher Kompromiss», begründet Reber die Anlaufzeit, um gedanklich auf Touren zu kommen, bis es in sein Büro im ersten Stock des Regierungsgebäudes geht.

Denn die frühen Morgenstunden sind seine Sache nicht. Besser: wären es nicht. Die langen Arbeitstage als Regierungsrat lassen gar nichts anderes zu, als seit bald einem Jahrzehnt um 6.55 Uhr den Interregio von Sissach nach Liestal zu nehmen.

Oft steige er in den Speisewagen ein, dort gäbe es immer freie Sitzplätze, selbst wenn der Zug voll sei. «Da hat sich sogar ein eigentlicher Stammtisch mit Pendlern aus Sissach gebildet», plaudert er über seine sonst übliche Fahrt zur Arbeit. Ausgerechnet an diesem Tag aber verpassen wir den Interregio und nehmen dafür die S-Bahn, die acht Minuten später fährt.

Stammtisch im Interregio, Stammgast in der «Pasticceria», eine beeindruckend sorglose Aktivität in den Sozialen Medien: der Magistrat zum Anfassen, Ansprechen und Antexten. «Euse Isi» eben, ob in seiner Sicherheitsdirektion oder der Bevölkerung. Dieses Idealbild von sich hat Reber sorgfältig gepflegt.

«Ich brauche keine Plakate mehr, um mich bekannt zu machen, man kann mich jeden Tag treffen», sagt er im Brustton der Überzeugung. Eine Woche nach unserem Gespräch erscheint über ihn eine bezahlte Publireportage im auflagenstarken Gratismagazin «Regio aktuell». So sind sie halt, die kleinen Verbiegungen im Wahlkampf.

Hat Reber Angst, nicht wiedergewählt zu werden? Schliesslich könnten aufgeschlossene bürgerliche und Mitte-Stimmberechtigte der Konkordanz zuliebe Kathrin Schweizer statt ihn auf die fünfte Linie des Wahlzettels schreiben. Der Grüne gibt sich zuversichtlich: «2011 wurde ich als Viertbester gewählt, 2015 machte ich das drittbeste Resultat. 2019 orientiere ich mich nach oben.» Dann lacht er wieder.