Sie sind beide um die 80 Jahre alt und ohne festen Wohnsitz. Das Rentnerehepaar E. (Name der Redaktion bekannt) lebt seit bald 60 Jahren in Binningen. Am 7. Dezember 2012 haben sie ihre Wohnung und das Inventar darin verloren. So leben sie seit bald einem Jahr in Hotels. Zahlen dafür, nach eigenen Angaben, 2000 Franken im Monat. Sie leben von der AHV – 3400 Franken im Monat. Er hat Krebs, trägt ein Stoma, einen künstlichen Darmausgang. Ihren Lebensabend hat sich das Paar wahrlich anders vorgestellt. Ausgangspunkt dieser Tragödie ist eine Heizkostenabrechnung von 2000 Franken.

Frau E. ist rüstig, wach und wütend. Die Wut schlägt rasch in Verzweiflung um und bei der Frage, wie es ihr gesundheitlich geht, bricht sie in Tränen aus. Sie versteht nicht, weshalb sie nicht wieder in ihre Wohnung dürfen, warum sie ihr Mobiliar nicht zurückerhalten. «Es wird kalt und wir haben keine warmen Kleider», sagt sie. «Jetzt können wir noch spazieren gehen, aber was machen wir im Winter? Sollen wir den ganzen Tag in der Migros sitzen?!»

Polizei räumt Wohnung

Was ist geschehen? Das Ehepaar E. erhält 2008 eine Heizkostenabrechnung von 2000 Franken. Zu hoch, meinten die beiden. Wie abgerechnet wurde, sei nicht nachvollziehbar gewesen. Das Paar wehrte sich. Zahlte nur einen Teil der Kosten. Der Streit mit dem Vermieter eskalierte nach und nach bis im Dezember 2012 die Polizei die Wohnung räumte, das Inventar wegsperrte. Das Rentnerpaar blieb zurück «ohne Dach über dem Kopf, ohne Medikamente und Ersatz-Stoma» – und mit einem Haufen Betreibungen.

Die Monate zogen ins Land. Die Rentner haben bereits neue Schulden von 36 000 Franken – «Hotelkosten», wie Frau E sagt. Auf die Pensionskassen-Rente des ehemaligen Chauffeurs nimmt das Betreibungsamt Regress. Was bleibt ist die AHV. Für Frau E. ist die Gemeinde schuld an allem. Sie protestierten mehrfach, machten Gemeinde- und Kantonsverwaltung ihre Aufwartung. Erstatteten Anzeige wegen amtsmissbräuchlichem Wohnungs- und Eigentumsentzug, Hausfriedensbruch, Sachentziehung, Sachbeschädigung, Rufmord, Gesundheitsschädigung, Erpressung und gegen die Mietausweisung vom 7. Dezember.

Die Baselbieter Staatsanwaltschaft eröffnete jedoch keine Untersuchung, verfügte eine sogenannte Nicht-Anhandnahme. Auch dagegen beschwerte sich das Paar vor dem Kantonsgericht, das die Beschwerde aber abgewiesen hat. Juristisch scheint das Paar chancenlos zu sein. Sie sind dennoch überzeugt, im Recht zu sein und fordern ihre ehemalige Wohnung samt Mobiliar zurück. Schuld an der Misere sei einzig die Gemeinde, die nichts tue. Die Rentner sehen sich als Opfer einer Behörden-Verschwörung.

Binningen widerspricht Vorwürfen

Nicht nur in Binningen, auch beim Kanton ist das Ehepaar bekannt. Man will am liebsten nichts über den Fall in der Zeitung lesen. Die Gesprächspartner versuchen jede Aussage, die das Ehepaar provozieren könnte, zu vermeiden.

Nic Kaufmann, der in Binningen die Kommunikation verantwortet stellt klar, dass das Ehepaar E. nicht bei der Sozialhilfe angemeldet sei. So gäbe es in der Gemeinde auch keine eigentliche «Akte E.». Auch habe die Gemeinde nichts mit der Räumung der Wohnung, der Beschlagnahmungen des Inventars oder einem allfälligen Zurückhalten der Pensionskassenrente des Herrn E. zu tun, beteuert Kaufmann. «Wir sehen die Tragik des Ehepaars und haben deshalb bereits verschiedene Versuche unternommen, ihnen Hilfe anzubieten – beispielsweise bei der Unterbringung. Leider war dies erfolglos.» Wenn das Ehepaar E. finanzielle Schwierigkeiten habe, könne es Sozialhilfe beantragen. Mehr sagt er nicht: «Um den Persönlichkeitsschutz zu gewähren, können wir keine weiteren Angaben machen.»

Wie weiter? Seit Ende August sind die Schulden getilgt. Herr E. erhält seit September wieder seine Pensionskasse, könnte also das Mobiliar auslösen. Die beiden wollen aber ihre alte Wohnung zurück. Doch solange das Paar ohne festen Wohnsitz bleibt, kann das Betreibungsamt keine weiteren Betreibungsanträge aufnehmen. Egal, ob sie am Ende die alte Wohnung oder eine neue beziehen, weiteres Ungemach droht.