Es ist quasi Halbzeit im Strafprozess um den Überfall vom Februar 2014 auf das Reinacher Kampfsportzentrum von Shemsi Beqiri: In den letzten Tagen konnten sich die Angeklagten zum Vorwurf äussern, sie hätten die Prügel-Attacken auf diverse damals anwesende Erwachsene und Kinder zumindest mitgetragen.

Bislang kamen 15 der 17 Angeklagten zu Wort: Hauptangeklagter Paolo Balicha räumte ein, dass die ganze Sache auf seinem Mist gewachsen ist. Weitere sieben Angeklagte gaben zu, dass sie dabei waren, beteuerten aber unisono, sie hätten an einen fairen Zweikampf geglaubt und selber niemanden geschlagen. Der Satz «Ich war bloss ein passiver Zuschauer» fiel vor Gericht regelmässig, ein Angeklagter meinte gar etwas verklausuliert, er habe nicht zur «Entscheidungsebene» gehört. Mehrere der Männer betonten, sie hätten nicht gewusst, dass dort auch Kinder anwesend sein würden. Ein weiterer Angeklagter hatte seine Beteiligung schon früher eingeräumt, betonte aber am Mittwochmorgen, er wolle sich nicht mehr äussern.

Nur wenige Beweise

Wer genau die Türe bewacht hat, sodass während des Kampfes niemand abhauen konnte, bleibt vorerst unklar. Die Baselbieter Staatsanwaltschaft geht bislang allerdings davon aus, dass alle Angeklagten auch punkto Hausfriedensbruch und Freiheitsberaubung als Mittäter zu betrachten sind. Dazu kommt der Hauptanklagepunkt der versuchten schweren Körperverletzung.

Jascha Schneider, Anwalt von Shemsi Beqiri, fordert, dass das Verfahren politische Konsequenzen hat

Jascha Schneider, Anwalt von Shemsi Beqiri, fordert, dass das Verfahren politische Konsequenzen hat.

Neben den Verletzungen von Shemsi Beqiri durch den Zweikampf mit Paulo Balicha wurden mindestens drei weitere Männer verletzt. Noch ist unklar, auf wessen Kappe die gebrochenen Kieferhöhlen- und Augapfelverletzungen sowie eine Gehirnerschütterung gehen. Dass ein Holzschlagstock angeblich durch blosse «Berührungen» kaputt gehen kann, sorgte diese Woche im Zuschauerraum des Strafgerichtes für Heiterkeit.

Weitere sechs Angeklagte haben bislang die Aussagen verweigert oder durchgängig betont, sie hätten mit dem Überfall nicht das Geringste zu tun gehabt und seien auch nicht dabei gewesen. Bereits seit längerem ist bekannt, dass mindestens sechs im Video auftretende Schläger bis heute nicht identifiziert werden konnten.

Als Beweise liegen immerhin ein DNA-Treffer auf einem Schlagstock vor, sonst gibt es hauptsächlich Aussagen von diversen Mittätern. Deren Glaubhaftigkeit wird von diversen Verteidigern angezweifelt, die Würdigung dieser Behauptungen wird die Hauptaufgabe des Gerichtes werden.

Riesige Aktenmengen

Bereits an den ersten beiden Prozesstagen hatte mehrere Verteidiger die mangelnde Akteneinsicht kritisiert. So erhielten sie etwa (wie in Baselland aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes üblich) keinen Einblick in die Strafregisterauszüge und ähnliche Akten der anderen Mitangeklagten. Darüber hinaus gab es allerdings auch Fehler bei der Aktenzustellung an die Verteidiger. Teilweise scheiterte es an solch banalen Dingen wie USB-Sticks, auf denen sich die PDF-Dateien nicht öffnen liessen.

Es stellte sich allerdings auch die Frage, ob neben der viel kritisierten Staatsanwaltschaft einzelne Verteidiger schlichtweg den Überblick über die mehr als 30'000 Aktenseiten verloren haben. Das Problem der Aktenorganisation stellt sich regelmässig in grossen Wirtschaftsstrafverfahren. Staatsanwalt Boris Sokoloff betonte dazu, die technischen Probleme seien zwar bedauerlich, mit einer mehrfach unterstellten «Geheimjustiz» habe aber das alles nichts zu tun.

Nächste Woche dürfte die Zivilklage von Shemsi Beqiri ins Visier der Verteidiger geraten: Alleine der Lohnausfall nach den Verletzungen sowie die Anwaltskosten summieren sich auf mindestens 50 000 Franken. Hinzu kommt eine Genugtuungsforderung in unbekannter Höhe. Beqiris Anwalt Jascha Schneider hielt am Montag eine Medienkonferenz ab und attackierte darin die Erste Staatsanwältin Angela Weirich. Am Dienstag und Mittwoch hingegen sass Beqiri alleine an seinem Tisch und nahm regelmässig mehrere Angeklagte ins Kreuzverhör. Mehrere Anwälte deuteten bereits an, nächste Woche in ihren Plädoyers die Opferrolle von Beqiri und weiteren Personen hinterfragen zu wollen.

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