Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres sieht das Baselbiet zu, wie sich ein verdientes Regierungsmitglied am Ende der Laufbahn selbst demontiert. Offenbar ist der Landkanton wirklich nur haarscharf an der Peinlichkeit vorbeigeschrammt, kurz vor der Gesamterneuerungswahl im Februar 2015 auch noch eine Ersatzwahl wegen eines Frust-Rücktritts durchführen zu müssen.

Gezielt inszeniert

Was es letztlich wirklich war, das den plötzlich akut amtsmüden Bildungsdirektor Urs Wüthrich zum Absitzen seiner Restzeit überzeugt hat, bleibt vorerst sein Geheimnis. Das eindringliche Zureden seiner Vertrauten und Parteigenossen? Die leeren Wahlkampfkassen der SP? Oder gar die Einsicht, doch lieber ein finales Jahr als «lahme Ente» zu erdulden, statt einen dauerhaften Imageschaden zu erleiden? Ein Jahr überdies, das für Wüthrich mit finanziellen Einbussen nach Inkrafttreten des neuen Pensionskassengesetzes am 1. Januar 2015 einhergehen wird. In der salbungsvollen Wortwahl von Wüthrichs Pressemitteilung wird die Selbstverständlichkeit, sein Volksmandat über die volle Amtszeit auszuüben, zur Erfolgsmeldung: Mit «unveränderter Energie, Hartnäckigkeit und Gestaltungswillen» werde er für die «Weiterentwicklung unseres Bildungsangebots» eintreten - sehr schön, denkt sich der Bürger, aber was sollte dann dieses gezielt inszenierte Rumfuchteln mit der Rücktrittskeule?

Gummiparagraf im Gesetz

Man müsse sich ernsthaft fragen, ob es nicht an der Zeit sei, langjährige Regierungsräte vor sich selber zu schützen. Das findet ein Landrat im Gespräch unter vier Augen. Sprich, über eine Amtszeitbeschränkung nachzudenken. Für Parlamentarier fällt nach 16 Jahren die Amtszeit-Guillotine, für Regierungsräte sollte, wenn es nach ihm ginge, nach 8, höchstens nach 12 Jahren Schluss sein. Eine längere Amtsdauer sei wegen des aufreibenden Jobs schlicht unerträglich. Unter Paragraf 10 des Gesetzes über die Organisation des Regierungsrates findet sich immerhin die hübsche Bestimmung: «Nach 8 Jahren hat in der Regel ein Wechsel der Direktion stattzufinden.» Doch das ist ein Gummiparagraf. Für Wüthrich beginnt am 1. Juli Jahr 12 in der Bildungsdirektion. Vor ihm war Adrian Ballmer 13 Jahre lang Finanzdirektor. Vielleicht wäre in der Tat ein Wechsel nach 8 Jahren für beide von Vorteil gewesen. Wie Ballmer kann Wüthrich seine Abnützungserscheinungen kaum verbergen, die sich gegen aussen in einer zunehmenden Dünnhäutigkeit gegenüber Landräten, Journalisten und anderen «Bildungspolitik-Laien» ausdrücken.

Damit schadet er sich selbst am stärksten. Wüthrich ist (oder war?) ein bedeutender Erneuerer der Bildungslandschaft. Dafür, dass er  die ETH mit einer Zweigstelle in die Region geholt hat, gebührt ihm beispielsweise grosser Respekt. Die jetzige Demontage hat er nicht verdient - man hätte sie aber mit einer Amtszeitbeschränkung nicht verhindert; ja, die Obstruktionspolitik der Oppositionellen wäre mit dem feststehenden Karrierenende Wüthrichs noch früher angefacht worden. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, in welchen die Kultur der galanten Kaltstellung von «lahmen Enten» gereift ist, fehlt uns im Landkanton hierfür die Tradition.