«Es ist wichtig, dass die Verantwortlichen merken, dass sie so nicht mit dem Personal umgehen können», konstatiert ein Pfleger und macht damit seinem Ärger über seine ehemalige Arbeitgeberin Senevita Luft. Der Strom neuer Meldungen an die bz reisst nicht ab.

Angehörige von Altersheim-Bewohnern sowie ehemalige und aktive Mitarbeitende rufen die Redaktion an und bestätigen die kolportierten Vorwürfe gegen die Pflegeheimgruppe aus eigener Erfahrung. In einem Punkt sind sich die meisten einig: «Was in der Senevita läuft, ist katastrophal. Aber man muss auch sagen, dass es im Pflegebereich vielerorts ähnliche Probleme gibt.»

Personal unter Hochdruck

Was die Gewerkschaft Unia bereits gegenüber der «Schweiz am Wochenende» erwähnte, wird auch von zahlreichen Informanten so empfunden: Die Pflegebranche steht unter zunehmendem Druck, der sich beim Personal besonders spürbar macht. «Mit der 2011 in allen Kantonen eingeführten neuen Pflegefinanzierung greifen betriebs- und marktwirtschaftliche Mechanismen in den Pflegebereich ein», kritisierte Samuel Burri, Leiter der Bereiche Pflege und Betreuung der Unia die neuen Entwicklungen. Entsprechend erreichen die Redaktion nicht nur Aussagen über verschiedene Senevita-Heime, auch aus anderen Institutionen melden sich vereinzelt Betroffene mit Vorwürfen von mangelhaften Pflegeleistungen, schlechten Arbeitsbedingungen und fragwürdigem Umgang mit Personal und Bewohnern. «Der Mensch wird zur Ware. Es geht nur noch ums Geld», kommentiert eine ehemalige Pflegefachperson eines privaten Altersheims in Basel.

Die Unia setzt sich seit längerem für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege ein. «Häufig können gute Leistungen nur durch prekäre Arbeitsbedingungen, unbezahlte Arbeit und die Aufopferung des Personals erbracht werden», kommunizierte die Gewerkschaft bereits anfangs 2016. Verschiedene Entwicklungen werden problematisch gesehen.

Schnelles Beschäftigungswachstum bei drohendem Fachkräftemangel und enge Zeitvorgaben für einzelne Pflegehandlungen stehen dabei an vorderster Stelle. Zusammen mit schlechten Arbeitsbedingungen und hoher Belastung führe das zu einer hohen Berufsausstiegsquote, was wiederum Personalmangel bewirke. Die schwach ausgeprägte Gewerkschaftstradition in der Pflege trage dazu bei, dass viele Arbeitnehmer nicht über ihre Rechte im Bild seien.

Die Hauptforderungen der Unia sind flächendeckende Gesamtarbeitsverträge für die Pflegebranche, eine Pflegefinanzierung, die nicht profitorientiert ist und die Erhöhung der Personalschlüssel, sodass mehr Zeit für die Betreuung von Patienten und Heimbewohnern bleibt. Unter dem Motto «In Menschen investieren statt Gewinne maximieren» vertritt die Unia diese Anliegen.

Neues Altersbetreuungsgesetz

Der Kanton äussert sich eher zurückhaltend zu der Behauptung, dass es im Pflegebereich allgemein Probleme gebe. Rolf Wirz, Sprecher der kantonalen Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion (VGD), beschwichtigt: «Im Kanton Baselland finden sich zahlreiche gut funktionierende Alters- und Pflegeheime. Aber Probleme werden immer breiter wahrgenommen als das, was gut läuft.» Da hier die Gemeinden für die Altersheime zuständig sind und der Kanton lediglich die Aufsichtsfunktion hat, gebe es auch keine kantonalen Vorgaben wie Personalschlüssel zum Skill- und Grade-Mix, welche die Anzahl Angestellter verschiedener Pflege-Ausbildungsstufen vorschreiben.

«Das wird sich aber ändern. Der Regierungsrat hat kürzlich eine Landratsvorlage zum neuen Altersbetreuungs- und Pflegegesetz verabschiedet. Eine der darin vorgesehenen Änderungen ist die Einführung eines Personalbedarfschlüssels», betont Wirz. Ausserdem werden nach dem neuen Gesetz durch den Kanton künftig Betriebsbewilligungen für Altersheime ausgestellt. Einen Qualitätsunterschied zwischen privat und öffentlich finanzierten Heimen, wie ihn die Unia andeutet, kann Wirz nicht bestätigen. «Es liegen dazu keine systematischen Auswertungen vor.»

Optimieren statt Kürzen

«Arbeitnehmer wären durchaus bereit, länger und sogar über das gesetzliche Rentenalter hinaus zu arbeiten, wenn die Bedingungen stimmten», hält die Studie «Alterspyramide auf solidem Fundament» von Avenir Suisse fest. «Dazu gehören nebst dem Betriebsklima eine höhere Zeitautonomie und weniger Produktionsdruck.» Die Studie empfiehlt Pflegeheimbetreibern, sich als attraktive Arbeitgeber zu positionieren und Mitarbeitern Flexibilität und Freiraum zu ermöglichen. Das sei für Unternehmen interessant, weil sich dadurch die Loyalität ihrer Mitarbeitenden erhöhe. «Es braucht neue Formen der Arbeitsgestaltung. Ein verstärkter, zum Teil standardisierter Dialog zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern kann helfen, innovative Lösungen zu finden.»

«Die Anzahl der 80-Jährigen und Älteren nimmt in den nächsten zwanzig Jahren in der Schweiz um 86 Prozent zu», besagt die Studie. Die Finanzierung der Altenpflege bleibe die grosse Herausforderung. Avenir Suisse sieht im Vergleich der Kantone grosses Optimierungspotenzial. «Es liessen sich jährlich 1,9 Milliarden Franken einsparen, wenn alle Kantone mindestens so effizient aufgestellt wären wie der Schweizer Durchschnitt.»