Der Reinacher Pfarrer Frank Lorenz hat ein jüdisches Psychodrama auf Deutsch herausgebracht.

Sie haben das Buch «Our Fathers’ Wells» von Peter Pitzele aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertragen. Worum geht es darin?

Frank Lorenz: Es ist eine Familiensaga, die von Adam und Eva bis zu Joseph von Ägypten reicht. Es erzählt die offiziellen und die Geschichten hinter den Geschichten, aus dem ersten Buch Mose. Es hat sehr viel mythische Poesie! Dazu ist es eine Art Lehrbuch: Es erklärt die jüdische Auslegungsmethode des Midrasch und kombiniert sie mit den Einsichten des Psychodramas. Dieser Zugang zur Bibel heisst heute Bibliolog. Es ist kein Zufall, dass ein US-amerikanischer Jude diese spielerisch-narrative Methode entwickelt hat: Peter Pitzele, gemeinsam mit seiner Frau Susan Pitzele, die Christin ist.

Was meinen Sie damit: Kein Zufall? Wer ist Peter Pitzele, wie sind Sie mit ihm in Kontakt gekommen?

Kein Zufall heisst: Unser beider Lebenswege haben sich zum richtigen Zeitpunkt gekreuzt. Ich war nicht immer Pfarrer und habe viel erlebt und viele Schicksale kennen gelernt. Aber es brauchte – für mich, einen Christen – einen Juden, der mir die Zusammenhänge meiner Lebenserfahrung und der Bibel nahebrachte. So traf ich Peter Pitzele 2007 an einem Kongress. Ich lernte von ihm den lebensnahen Zugang zu den uralten Mythen unserer gemeinsamen jüdisch-christlichen Tradition.

Sie sind selbst ein erfahrener Bibliolog-Leiter. Können Sie diese Methode etwas näher erläutern?

Menschen tauchen in die Wirklichkeit einer biblischen Geschichte ein. Durch die Kenntnisse eines Bibliolog-Leiters oder einer -Leiterin werden sie in die Realität dieser Vergangenheit eingeführt. Dann beginne ich eine Stelle vorzulesen und stoppe, um die Anwesenden als biblische Personen zu etwas zu befragen. Etwa: «Eva, hinter dir der Baum der Weisheit und in deiner Hand der Apfel, den du angebissen hast: Was geht dir durch den Sinn?» Solche Gruppenarbeiten sind mit Konfirmanden oder in Gemeindegruppen möglich, aber auch in Gottesdiensten, etwa anstelle der Predigt.

Gerade letztere ist oft eine kommunikative Einbahnstrasse. Könnte der Bibliolog das ändern?

Zur protestantischen Tradition gehört es immer schon, gemeinsam über die Bibel zu reden, denken Sie nur an Hauskreise und traditionelle Bibelgesprächsgruppen. Das Neue am Bibliolog ist aber, im Text sein zu können. Wir aktivieren die Empathie für einen Text. Bibel und Biografie legen sich gegenseitig aus. Die Bibel ist in uns und wir in ihr.

Beschränkte sich Ihre Mitarbeit am Buch auf das Übersetzen oder haben Sie auch konzeptionell an der deutschen Ausgabe mitgearbeitet?

Das Buch, das wir am Dienstag in Basel vorstellen, ist in enger Zusammenarbeit mit Pitzele entstanden. Manches wurde gestrafft, manches ergänzt. Der Autor und der Übersetzer, der Bibliolog-Lehrer und der Lernende, wurden dadurch zu Freunden. Wir wollten ein in Deutsch geschriebenes Buch für heute vorlegen, keine Übersetzung eines Buches von 1995.