Die Szene passierte irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg: Eine Festgesellschaft demontierte im Vollrausch alles, was im Wageninneren der Extrafahrt nicht niet- und nagelfest war. Der angesichts der Situation und Übermacht überforderte Billeteur schloss daraufhin alle Wagentüren ab, liess den Zug mitten auf der Münchensteinerbrücke anhalten und alarmierte von einer nahen Telefonkabine aus den Polizeiposten am Aeschenplatz. Doch die «Isolierhaft» seiner Kundschaft brachte nichts. Als der Billeteur zu seinem Zug zurückkehrte, hatten sich die Spassvögel bereits durch die Fenster aus dem Staub gemacht. Immerhin konnte er in der Nähe noch zwei nicht mehr bewegungsfähige Alkoholleichen aufgreifen, die dann auf dem Polizeiposten ausnüchtern und Busse tun mussten.

Die Privatbahn einer Elektrizitätsgesellschaft

Vielleicht können sich auch heute noch ehemalige Passagiere der Birseckbahn (BEB) an solche oder ähnliche Anekdoten erinnern. Von 1902 bis 1974 bediente die von der Münchensteiner Electrizitäts-Gesellschaft Alioth & Co. aus der Taufe gehobene private Bahngesellschaft die Stecke Arlesheim - Dornach. Selbstredend wurde sie so auch zur ersten elektrisch betriebenen Basler Vorortsbahn, die bereits 1920 mehr als 3 Millionen Passagiere pro Jahr beförderte.

Noch bis Anfang der 1970er-Jahre bildeten die altertümlichen Be 2/3- und Be 2/4-Motorwagen auf den hiesigen Tramgeleisen einen gewohnten Anblick und wurden wegen ihrer gelben Lackierung gerne als «Crème-Schnitte-Express», «Schüttelbächer» oder «Buuretaxi» bezeichnet. Das mit der Elektrifizierung konnte allerdings seine Tücken haben: Da das vom Basler Elektrizitätswerk gespeiste Teilstück in den 1920er und 1930er-Jahren nach Mitternacht ausgeschaltet wurde, musste die spät nach Hause fahrende Hochzeitsgesellschaft ihren Extrazug so lange selber schieben, bis sie wieder den von der Elektra Birseck versorgten Abschnitt erreichte.

Regierung bevorzugte den Prattler Hersteller

Nachzulesen ist all das im 144-seitigen Buch «BEB Birseckbahn 1902 - 1974» von Dominik Madörin, das soeben in der Reihe der Lokbücher des Zürcher Spezialverlags Edition Lan erschienen ist. Das Verdienst des Baselbieter Autors ist es, dass er sich im mit über 200 historischen Fotos üppig bebilderten Werk nicht nur in bahntechnischen Details ergiesst, sondern ebenso gut gesellschaftliche und politische Zusammenhänge erschliesst.

Ebenso aufschlussreich wie mit heutigen WTO-Vergabepraktiken unvereinbar ist etwa der beschriebene Hintergrund der Beschaffung von neuem Rollmaterial Ende der 1960er-Jahre: Eigentlich wollte die BEB die dringend benötigten neuen Züge von den Flug- und Fahrzeugwerken Altenrhein bestellen. Da aber die Baselbieter Regierung die Beschaffung von einheimischem Rollmaterial zur Bedingung für eine Subventionierung machte, besserte die damals noch in Pratteln ansässige Schindler Waggon AG ihre Offerte kurzerhand nach. So bekam schliesslich der Baselbieter Produzent den Auftrag für die noch heute verkehrenden Be 4/6-Schindler-Triebwagen, die 2016 ausgemustert und nach Belgrad weiterverschenkt werden sollen.

BEB ging 1974 in die BLT AG auf

Als sich 1974 die vier Vorortsbahnen BEB, Birsigthalbahn BTB, Trambahngesellschaft Basel-Aesch TBA und Basellandschaftliche Überlandbahn BUeB zur BLT Baselland Transport AG zusammenschlossen, ging zwar die Ära der «Schüttelbecher» zu Ende. Dafür wurde der Grundstein zum Ausbau auf den heutigen öV-Standard gelegt. Nach dem Zusammenschluss mit der Linie 17 im Jahr 1986 ist die BEB-Nachfolge-Linie 10 heute mit 26 Kilometern die längste Tramlinie der Schweiz und befördert im 7,5-Minuten-Takt zwischen Aeschenplatz und Dornach jährlich 8,8 Millionen Fahrgäste. 

Buch nicht nur für Bahnfreaks

Kurz und gut: «BEB Birseckbahn 1902 - 1974» ist ein grossartiges, selbst für nicht angefressene Bähnler absolut lesenswertes Buch; eben eines, wie es in seinem akribischen Detailreichtum und dem gekonnten Zusammenspiel von Text und Bild nur absolut angefressene Bahnfreaks schreiben können, die aber über den technischen Tellerrand hinaus blicken. Dass der Ettinger Dominik Madörin ein solcher Könner ist, steht ausser Frage.

Die von ihm als privates Projekt betriebene Homepage www.tram-bus-basel.ch ist die wohl definitive Fakten-Zusammenstellung über den öffentlichen Verkehr in der Region Basel. Zudem hat sich Madörin bereits in und ausserhalb der Bähnlerszene mit früheren Buchpublikationen wie «Das Rollmaterial der Basler Verkehrs-Betriebe 1895-2002» (2002) oder «Tram und Trolleybus in Basel 1955 bis 1980» (2009) einen hervorragenden Ruf erarbeitet.

Sein jüngstes Werk über die Birseckbahn, das sich von der Qualität her nahtlos in seine früheren Projekte einreiht, ist im gut sortierten Buchhandel oder direkt über den Verlag www.editionlan.ch für Fr. 36.90.- erhältlich.