Frauen sollen endlich gleich viel verdienen wie Männer – und dafür braucht es mehr als nur Empfehlungen an die Unternehmen, wie das die Bürgerlichen wünschen, sondern kontrollierte Richtlinien. Darin waren sich am Dienstag an der Baselbieter 1.-Mai-Feier in Liestal die beiden Redner, die Nationalräte Eric Nussbaumer und Maya Graf, einig.

Die Gleichberechtigung dürfe man nicht für erreicht ansehen, nur weil auf den ersten Blick niemand dagegen sei, warnte der Sozialdemokrat. Frauenarmut wegen tieferer Löhne sei ein Last für den Staat, betonte die Grüne. Beide erhielten für ihre Reden viel Applaus. «Wir ergänzen uns eben bestens», sagte Graf, während der 1.-Mai-Chor bereits «Bella Ciao» anstimmte.

Graf wird, Nussbaumer will antreten

Graf und Nussbaumer zelebrierten vor den rund 250 Festbesuchern Einigkeit. Doch die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass sich die Baselbieter Linken bald zwischen einem der beiden gestrigen Redner entscheiden müssen – wenn nämlich im Herbst 2019 beide in den Ständerat wollen. Graf hat ihre Kandidatur bereits angekündet, Nussbaumer sein Interesse, falls der jetzige Amtsinhaber Claude Janiak (SP) nicht mehr antritt.

Sowohl Graf als auch Nussbaumer stellten in Abrede, am Dienstag den Ständeratwahlkampf lanciert zu haben. Doch hörte man sich an den Festbänken um, wurde deutlich: Die Baselbieter Linke ist sich bewusst, dass sie vor einer Zerreissprobe steht, falls Graf und Nussbaumer gegeneinander antreten.

«Wir sind dann sicher in einen Konflikt», meinte ein Jungsozialist. Denn eigentlich wünscht er sich eine Frau auf dem Baselbieter Ständeratsitz, und zahlreiche Wähler würden das wohl ähnlich sehen. Doch er tröstete sich grad selber: «Wir haben mit Samira Marti immerhin bereits eine Frau als Nachfolgerin von Susanne Leutenegger Oberholzer im Nationalrat.»

Erst in einigen Jahren eine Frau

An einem Tisch sassen fünf sozialdemokratische Frauen, die allesamt die Parteilogik über alles stellten und «Eric» bevorzugen – allerdings mit schlechtem Gewissen. «Eine Frau wählen wir dann einige Jahre später in den Ständerat», sagt eine. Vorerst, so ihre Kollegin, brauche es erst mal eine sozialdemokratische Baselbieter Regierungsrätin. Und eine Frau hatte noch die Hoffnung, dass sich Grüne und SP auf eine gemeinsame Kandidatur einigen.

Für einen älteren Herr, seit Jahrzehnten in der SP, war klar: Nussbaumer ist besser qualifiziert. «Er ist gut vernetzt, und in Sachen Umwelt kann ihm niemand das Wasser reichen.» Sein Fazit: «In der SP sind alle für Eric.» Seine Frau war sich diesbezüglich nicht so sicher: «Beide sind glaubwürdig, wenn sie über Gleichberechtigung reden. Wenn beide antreten, weiss ich wirklich nicht, wie ich mich entscheide.»

Eine junge Gewerkschafterin hatten Nussbaumers Aussagen zur Gleichberechtigung überzeugt. «Auch ein Mann kann sich für Frauen einsetzen», fand sie – und fügte hinzu: «Am liebsten wäre es mir natürlich, wenn wir im Baselbiet zwei Ständeratssitze hätten.» Ein älterer Herr behauptete: «Bei uns in der SP sind die Frauen so gut vertreten, dass man nach Fähigkeit entscheiden kann und nicht nach Geschlecht.» Doch auch Maya Graf attestierte er «viel Erfahrung».

Nichts Schlechtes über den Gegner

Überhaupt war am Dienstag auf den Festbänken am Zeughausplatz auffallend: Sogar wer sich im linken Geschwisterkampf in eineinhalb Jahren schon festgelegt hatte, sagte nichts Schlechtes über den jeweils anderen Kandidaten. Und es gab sogar Stimmen, die sich auf die Auseinandersetzung innerhalb der Linken freuten.

«Es ist doch schön, wenn wir zwei valable Kandidaten haben», sagte ein Rentner. «Es sollen beide antreten, und dann schauen wir vor dem zweiten Wahlgang, wer am meisten Stimmen erhalten hat», meinte der Mann neben ihm. «Zu viele taktische Spiele im Voraus sind sowieso nicht gut.»