Eigentlich ist Said Kashani nicht einmal mehr zum Kopfschütteln zumute. Gerade betreten wieder zwei Passanten sein Café an der Binninger Hauptstrasse: «Entschuldigung, wissen Sie, wann der Lidl aufgeht?» Das gehe den ganzen Tag so, und das täglich, seit er sein Lokal vor zwei Wochen eröffnet hat. Kashani weiss nicht, ob er deswegen lachen oder heulen soll. Auch seine Gäste werden angesprochen, während sie an ihren Kaffees nippen: «Entschuldigung, wissen Sie …?»

Seit gestern weiss er es tatsächlich. Zwischen Tür und Angel hat es eine Lidl-Mitarbeiterin in Hosenanzug dem Autor dieser Zeilen gesteckt: Am 12. Juli öffnet die Filiale. Und ja, man werde das Eröffnungsdatum noch in dieser Woche anbringen, «Entschuldigung». Lidls Medienstelle bestätigt dieses Datum zwar nicht, Mediensprecher Mathias Kaufmann sagt aber, es «in kürzester Zeit» zu kommunizieren. Eigentlich würde sich Said Kashani auf die Eröffnung freuen. «Dann kommt endlich Leben in die Bude», sagt er mit Nachdruck.

Denn bis heute ist seine «Pia’zza Café-Bar» das einzige Gewerbe, das im neu gestalteten «Marktplatz Dorenbach» geöffnet hat. Rund eine Dekade stand das ehemalige Dorenbach-Center leer, eine Ruine am Ortsanfang Binningens. Mit der Bekanntmachung vergangenen Dezember, Lidl würde die Hauptladenfläche im Untergeschoss als Ankermieter übernehmen, kündigte sich die Wiederbelebung an.

Lidl wirbt mit 1-Franken-Kaffee

Aber Said Kashani rauft sich noch aus einem anderen Grund die Haare. Während ihm sein Mietervertrag ausdrücklich nur das Anbringen eines kleinen Schriftzugs auf seinen Fenstern gewährt, prangt seit gut einer Woche das knallgelbrotblaue Logo des deutschen Discounters an der Fassade des Cafés. Seither erklärt er den Möchtegern-Kunden, dass sein Lokal nicht zur Filiale des Supermarkts gehöre – und sich selbst, dass für ihn als «kleinen Fisch» offensichtlich andere Regeln gelten als für grosse Ankermieter. «Was soll man da machen?», fragt er und zuckt mit den Schultern.

Doch das will er nicht in der Öffentlichkeit ausbreiten. Stattdessen hat er den Dialog gesucht: «Ich bin zuversichtlich, dass wir eine Lösung finden.» Daran arbeitet gemäss eigener Aussage auch Zürich Versicherungen als Eigentümerin der Liegenschaft. Mediensprecherin Cornelia Birch: «In Schweizer Einkaufszentren ist es üblich, dass die Logos der Ankermieter grösser ausfallen als diejenigen der kleineren Geschäfte.» Lidl bestätigt, das Logo in enger Abstimmung mit Eigentümer und Gemeinde angebracht zu haben.

Die Gemeinde Binningen wiederum bestätigt auf Anfrage, dass ein Gesuch für die Beschriftung seitens Lidl eingereicht und von der Gemeinde bewilligt wurde. Darum sehe man aufseiten Binningens, so der stellvertretende Verwaltungsleiter Bernhard Keller, keinen Handlungsbedarf: «Der Ball läge beim Café-Betreiber.»

Diesem flatterte am vergangenen Mittwoch buchstäblich das nächste Problem ins Lokal. Seit dann wehen Lidl-Fahnen im Binninger Wind, die Kaffee für nur 1 Franken bewerben. Unnötig zu betonen, dass bei Kashani zu einem solchen Dumpingpreis keine Kaffees bestellt werden können. Nun könnte man anführen, dass auch eine solche Massnahme schlussendlich zu höherer Kundenfrequenz führt.

Tatsache ist aber auch, dass in der knappen Stunde, die der Autor vor dem Café verbracht hat, über ein Dutzend Personen nach der Filiale respektive dem 1-Franken-Kaffee-Angebot fragten – sich aber keine von ihnen ins Café setzte. «Ich könnte jemanden anstellen, der nur Auskunft gibt», kommentiert Kashani die Situation – und behilft sich endlich auch mit einer gehörigen Portion Galgenhumor.

Angesprochen auf diese Verwechslungsgefahr sagt Lidl-Mediensprecher Kaufmann: «Wir nehmen diesen Einwand ernst und werden die betroffenen Fahnen in den nächsten Tagen anpassen.» Er gibt sich überdies überzeugt, dass der Supermarkt durch seine Präsenz und dem erhöhten Kundendurchlauf auch für das umliegende Gewerbe eine Bereicherung sein werde. Immerhin: Davon ist auch Kashani überzeugt.