Im Amphitheater hat die Sonne die Sitzsteine aufgeheizt. Verstreut sitzen etwa 100 Zuschauer auf den Stufen des weiten Halbrunds; viele haben sich auch ganz oben auf dem baumbewachsenen Dach des Theaters positioniert — der einzige Platz, wo es noch Schatten gibt. Fast schon eine Tradition ist die spätsommerliche Hitze am letzten Augustwochenende beim Römerfest in Augusta Raurica.

Auch bei der 22. Auflage vergangenen Samstag und Sonntag stand manchem Besucher der Schweiss auf der Stirn. Auf der Bühne des Amphitheaters werden im Laufe des Nachmittags auch die Gladiatoren ins Schwitzen kommen; doch vorerst trotzen dort zur Freude der Zuschauer verschiedene Gruppen antiker und orientalischer Tänzerinnen mit elegant-grazilen oder euphorisch-dynamischen Bewegungen der prallen Sonne.

Römerfest

   

Musiker, Handwerker und Soldaten

Auf dem Forum vor dem Tempel bläst Hagen Pätzold die Posaune. Genaugenommen ist es eine antike Fanfare, welche die Römer aber wiederum tūba nannten. Pätzold hat sie direkt von der originalen «Tuba von Orléans» nachbauen können, ebenso das Cornū von Pompeii, ein grossgeschwungenes römisches Horn. Der Diplommusiker aus Frankfurt ist einer von einer Handvoll Musikarchäologen auf der Welt und der einzige, der sich auf Blechblasinstrumente spezialisiert hat, wie er erzählt. Er lehrt Musik am Gymnasium und an der Uni; sein Ziel ist es aber, einen Lehrstuhl für «Frühe Musik» zu etablieren — zurück bis zu den alten Ägyptern.
In einem Zelt weiter hinten auf dem Forum erklärt die junge Alina Ackermann, wie man das Knöchelspiel spielt: Statt Würfel nahmen die Römer Schafs- oder Geissenknöchel; die Zahlen von eins bis sechs wurden den Seiten der Knöchel zugeschrieben, die jeweils charakteristische Formen haben. Ein Wurf vier unterschiedlicher Würfel, erklärt Ackermann, sei von den Römern «Venuswurf» genannt worden.

Im Lager der Handwerker grillen zwei gestandene Kerle Spanferkel auf einem mächtigen Grill. Die Hitze des Feuers zusätzlich zu den hohen Temperaturen ist schwer zu ertragen: Zum Glück arbeiten die beiden ausserhalb ihres Lebens als Römer auf dem Bau und sind das Arbeiten in der Hitze gewöhnt. Heiss ist es auch in der Werkstatt von François Dubois und Chloé Grevaz, die Glas blasen. Für dieses edle Handwerk finden die beiden Lothringer schnell eine grosse Gruppe Zuschauer.

Irene Obi aus Lenzburg ist in ihrem Zelt derweil mit einigen Mädchen dabei, Filzblumen herzustellen. Mithilfe von Wasser wird die eingefärbte Schafswolle zwischen den Händen gedreht, wie es die Menschen bereits vor 10 000 Jahren taten. Auf dem Römerfest unterwegs ist auch Luca Poggioli aus Hölstein mit seinem kleinen Sohn Fabio. Sie tragen Holzschwerter und Schilde, die sie selbst mit typischen römischen Mustern bemalt haben. Sie sind natürlich nicht die einzigen: Sogar eine «Kampfarena» für kleine Gladiatoren gibt es.

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Wert auf Authentizität gelegt

Aus der Schweiz, Deutschland, Belgien und Italien sind die Legionäre zusammengekommen, die auf der Wiese hinter dem Forum ihr Castrum, das römischen Militärlager, aufgeschlagen haben. Ihre Umgangssprache ist klassisches Latein. Im Gegensatz zu vielen Gruppen, die das Mittelalter wieder auferstehen lassen, wird bei den römischen Laiendarstellern grosser Wert auf Authentizität gelegt. Das geht bis zur (scheinbar) vollzogenen Prügelstrafe für undisziplinierte Legionäre.

Viele Zuschauer haben sich auf dem sanft abfallenden Hügel zwischen Forum und Castrum niedergelassen und verfolgen fasziniert den Aufmarsch verschiedener Kohorten auf der Wiese. Der Anführer, vermutlich der Centurio, hält eine markige Rede, von welcher der Schullateiner noch versteht, dass es um den Ruhms Roms geht; dann marschieren die rund 100 Darsteller in Reih und Glied davon über das ganze Festgelände zum Amphitheater.