Es ist eine kleine Völkerwanderung, die am frühen Samstagnachmittag entlang der Tramschienen zu beobachten ist. Auf Höhe Surbaum sind es nur eine Handvoll Menschen, auf Höhe Landhof dagegen bereits mehrere Dutzend Männer, Frauen und vor allem Kinder, die schnellen Schrittes in Richtung Reinacher Zentrum marschieren. Das Ziel der Meute ist klar: Die Reinacher Strassenfasnacht.

Entlang der Hauptstrasse, wo auch zahlreiche Verpflegungsstände ihre Zelte aufgeschlagen haben, haben sich Hunderte von Leuten bereits ihre Plätze gesichert, um in Wurfdistanz der Waggis zu sein.

Um Punkt 14 Uhr geht es dann los. Die Guggen geben den musikalischen Rhythmus vor, sodass die Kälte und der eisige Wind schnell vergessen sind. Gross und klein sind sofort auf Betriebstemperatur, wobei besonders die Jüngeren den nächsten Wagen kaum erwarten können, um etwaige Bhaltis abzustauben. Neben den gewohnten Blumen, Dääfeli oder Orangen gibt es auch Gummibären, Energydrinks oder – im Fall der Kiwi-Frässer – Kiwis.

An der Reinacher Fasnacht geht die Post aber nicht nur im übertragenen Sinn ab, denn der gelbe Riese ist auch Sujet der Behämmerte («D Boscht, mir mache dicht!»). Sie haben ihren Wagen in geschlossene Poststelle verwandelt und sparen nicht mit bissigen Versen:

S Boschtstellenetz, das wird «verdichtet» Konkret bedütet das: vernichtet!

Die Dätschmaischter dagegen haben mit dem Margarethenstich («Dä Stich het kai Stich!») noch nicht wirklich abgeschlossen:

S Baselbiet, I find’s dr Hit,
möcht dr Margarethestich au nid.

freuen sie sich, befürchten aber jedenfalls:

Dr Bütiker ka nid verliere
Är möcht e 2. Abstimmig durefiere!

Die Themen sind aber nicht nur nationaler oder regionaler, sondern vielfach auch lokaler Natur. Der Umbau des Reinacher Schwimmbads, der auf der Blagedde 2018 («Mir bade de heime») festgehalten ist, kommt auch zur Sprache:

Mir packe mit a,
dass me wieder go bade cha.

verkünden die FassBar Waggis. Ein anderes Reinacher Problem wird derweil von der Oserclique zum Sujet gemacht – die Verlegung des Markts von der Kirchgasse in die Hauptstrasse:

Mit dr grosse Uswahl am Märt
isch für alli öppis derbi,
aber bis du über Stross chunnsch,
isch dr Märt verbi!

Ebenfalls nicht ungeschoren davon kommt der Reinacher Gemeinderat:

Drey Machos, vier Pfaue
düen mir Rynacher vertraue,

meinen die Turbomüsli ungläubig und lassen auch die Praktiken des zurückgetretenen Gemeindepräsidenten Urs Hintermann nicht unerwähnt:

Wär motzt, es isch nid z fasse,
dä wird uf dr Stell entlasse!

Die Nochwuchs Waggis Birsegg sehen in den Turbulenzen im Gemeinderat sogar Parallelen zur TV-Serie «Game of Thrones». Ihr Wagen ist eine Burg, vorne prangt der Thron aus Schwertern, hinten speit ein Drache Feuer. Das «Game of Reinach» ist gemäss der Wagenclique in vollem Gang:

Dr Thron vo Rynach
isch jetzt frey
und d Parteye schlön sich
d Bire zu Brey ...

Einmal mehr beweisen die vielen Formationen an der Reinacher Fasnacht, dass sie zu den kreativsten und bissigsten der Region gehören.