Sie dürfte stellvertretend für ganz viele Muttenzerinnen und Muttenzer stehen: «Eigentlich stehe ich dem Asylzentrum offen gegenüber», sagte eine Anwohnerin beim Rundgang durch die grossen Hallen des Feldreben-Areals, «doch etwas Skepsis bleibt halt schon.» Diese Unsicherheit, was da genau ab Montag auf die Muttenzer Bevölkerung zukommt, wenn erst rund 30, dann nach und nach bis zu 500 Asylsuchende auf dem alten Deponiegelände untergebracht werden, prägt die öffentliche Debatte. «Ich wohne ganz in der Nähe und gehe schliesslich auch hier einkaufen», meint die Frau, die wie alle gestern von der bz vor Ort befragten Menschen anonym bleiben möchte. In einer umgenutzten Zivilschutzanlage in Bern gäbe es viele Probleme mit den Asylsuchenden, hätte ihr eine Bekannte erzählt.

Diffuse Ängste nicht wegzukriegen

Es sind diffuse Ängste, genährt vom Hörensagen, die viele äussern – und gegen die die Verantwortlichen von Bund, Kanton und Gemeinde wenig machen können. Ausser mantraartig zu betonen, dass auf dem Areal die Securitas für Sicherheit sorge, im Quartier eine andere Sicherheitsfirma, die Dittinger Alpha Protect AG, patrouillieren werde, eine 24-Stunden-Hotline (058 464 05 08) eingerichtet sei, eine 25-köpfige Begleitgruppe alles beobachte und neuralgische Punkte in der direkten Nachbarschaft videoüberwacht würden. Aber die Angst bleibt: «Wie sollen 10 Securitas-Leute 500 Flüchtlinge unter Kontrolle halten?», fragt ein älterer Herr. Dass die Asylsuchenden das Areal unter der Woche tagsüber und am Wochenende auch über Nacht verlassen dürfen, sehen dann aber doch die meisten ein: «Drei Wochen einsperren geht natürlich nicht», so ein anderer Mann.

Grösstes Bundesasylzentrum wird in Muttenz eröffnet

Grösstes Bundesasylzentrum wird in Muttenz eröffnet

Auf der ehemaligen Abfalldeponie Feldreben in Muttenz eröffnet das grösste Asylzentrum der Schweiz. 500 bis maximal 900 Personen sollen im Registrierzentrum des Bundes eine Unterkunft finden. Im Gebäude hat es unter anderem Schulzimmer, Ruheräume, Spielzimmer und ein Raum speziell nur für Frauen.

Drei Wochen: Diese durchschnittliche Aufenthaltsdauer wurde gestern mehrfach erwähnt. Dies als Reaktion auf die frühere Aussage des Staatssekretariats für Migration (SEM) gegenüber der bz, das Bundesasylzentrum Feldreben werde wegen der zurzeit geringen Asylgesuchszahlen «vorderhand als normales Bundeszentrum zwecks Unterbringung Asylsuchender genutzt». Und zwar mit Aufenthalten bis zu vier Wochen. Seit dem öffentlichen Aufschrei verspricht das SEM nun wieder, dass Feldreben, wie vertraglich vereinbart, als Registrierungszentrum diene. Dass die Verantwortlichen zuvor mündlich immer von 10 bis 14 Tagen Aufenthalt gesprochen hatten, scheint nichts mehr zu zählen.

«Das Bundesasylzentrum Feldreben wurde extra für die Registrierung, erste Befragung und ersten Gesundheitscheck eingerichtet», sagte Barbara Büschi, die stellvertretende Direktorin des SEM. Und Roger Lang, der als Leiter des Empfangs- und Verfahrenszentrums Basel Bässlergut auch für Feldreben zuständig sein wird, fügte an: «Das hier ist kein Potemkinsches Dorf» und zeigte die Fingerabdruck-Scanner und den Fotostand, mit denen die ankommenden Asylsuchenden direkt registriert werden.

900 Flüchtlinge nur im Notfall

Klar ist aber auch: Zu Beginn der zweijährigen Betriebszeit des Zentrums wird diese Infrastruktur bei weitem nicht ausgelastet sein. Im Plenum sagte Büschi zwar, dass man die Belegung «rasant aufstocken» werde, doch auf Nachfrage relativiert sie: «Im Moment bleibt die Belegung tief, aber wir sind vorbereitet, sollten kommenden Frühling die Asylgesuchszahlen wieder zulegen.» Dass man nun das grösste Asylzentrum der Schweiz in Betrieb nimmt, das im Notfall sogar bis zu 900 Flüchtlinge aufnehmen könnte, obwohl es wohl noch für Monate halb leer bleiben wird, verteidigt auch Anton Lauber: «Es ist gut, anfangs mit Schon- und nicht mit Volllast zu starten, damit alle Erfahrungen sammeln können», sagt der Baselbieter Regierungsrat.

Lauber weiss, dass Teile der Bevölkerung verunsichert sind, dankt den Muttenzern aber, «dass sie bereit sind, ein Wagnis einzugehen». Mit der «Volllast» von 900 Asylsuchenden ist dabei erst einmal nicht zu rechnen. Dafür bräuchte es explizit eine Notlage sowie die Zustimmung des Muttenzer Gemeinderates. Und Gemeindepräsident Peter Vogt hält fest: «Erst soll der Bund beweisen, dass er das Zentrum mit 500 Plätzen führen kann.»

Das interessiert auch die zahlreichen Muttenzerinnen und Muttenzer, die am gestrigen Rundgang teilnahmen. Die Einrichtung der kahlen Lagerhallen mit vorerst rund 60 Hütten à 6 bis 8 Schlafplätzen empfanden die meisten zwar nicht für heimelig, aber zweckmässig. «Wenn man es mit den Auffanglagern im französischen Calais vergleicht, ist natürlich alles gut», sagte ein Mann leicht zynisch. Angst haben übrigens längst nicht alle. Ein älterer Herr sagte, er habe keinerlei Bedenken wegen der Sicherheit, und fügte an: «Es ist wohl gefährlicher, ins Kleinbasel zu gehen.»