40 Augenpaare schauen gebannt über das in diesen Tagen fast schon obligatorische, dicke Nebelmeer über dem Mittelland in Richtung Glarner Alpen. Zwischen Glärnisch und Tödi – man erkennt die Gipfel nicht genau, weil ausgerechnet über diesem Teil der Alpenkette ein Wolkenband liegt – wird es zusehends heller. Und dann der magische Moment, die Fotoapparate links und rechts klicken im Modus Serienfeuer und ein kleines Raunen geht durch die Menge der halbverfrorenen Frühaufsteher auf der Belchenflue.

Es ist 8.22 Uhr am Mittwochmorgen, dem Tag der Wintersonnenwende und damit dem kürzesten Tag im Jahr. Und wenn die Sonne an diesem Tag aufgeht, ist das auf der Belchenflue eben ein mystischer Augenblick mit keltischem Hintergrund: Die Sonne wirft eine gerade Linie auf den Elsässer Belchen, den Ballon d’Alsace.

Nur grüner Funken blieb verwehrt

Dass am Mittwoch erstmals so viele Leute diesen Augenblick live miterlebten, dafür zeichnet Baselland Tourismus verantwortlich. Denn die Organisation unter ihrem Geschäftsführer Tobias Eggimann nahm den Belchen-Ausflug neu in ihr Programm auf. Und sie tat damit einen Glücksgriff: Der Anlass war nicht nur hoffnungslos überbucht – es wollten doppelt so viele mitkommen wie Baselland Tourismus wegen der beengten Platzverhältnisse auf der Belchenflue als verantwortbar erachtete –, sondern auch das Wetter spielte mit. So konnte am Start auf dem Chilchzimmersattel ein strahlender Eggimann noch unter Sternenhimmel eine erwartungsvolle Schar mit den Worten begrüssen: «Wir haben perfekte Bedingungen erwischt.»

Weil die Tourismusbranche einen Hang zu Übertreibungen hat, sei hier eine klitzekleine Einschränkung angebracht: Das schmale Wolkenband über den Glarner Alpen verhinderte, dass man den von Eggimann angekündeten grünen Funken sehen konnte, der dem Sonnenaufgang bei wolkenlosen Verhältnissen offenbar um Sekunden vorangeht.

Aber das ist ein Detail und auch die Kelten hätten am gestrigen, klaren Wintersonnenwende-Tag ihre Freude gehabt. Denn ihnen dienten die drei Belchen im Dreiländereck, die in einem rechtwinkligen Dreieck zueinander stehen, als Sonnenkalender. Dies sind der Elsässer Belchen (1247 Meter über Meer), der Schwarzwälder Belchen (1414 Meter) und eben der Baselbieter Belchen (1099 Meter). Vom Elsässer Belchen aus gesehen geht die Sonne bei Tagundnachtgleiche, das heisst bei Frühlings- und Herbstanfang, über dem exakt östlich gelegenen Schwarzwälder Belchen auf und umgekehrt gesehen über dem Elsässer Belchen unter.

Bei der gestrigen Wintersonnenwende ging nun aus Sicht vom Elsässer Belchen die Sonne genau über dem Baselbieter Belchen auf. Und um das Ganze noch etwas zu verkomplizieren: Zur Sommersonnenwende kommt auch noch der deutsche Kleine Belchen (1272 Meter über Meer) ins Spiel; über ihm geht dann aus Sicht des Elsässer Belchen die Sonne auf.