Andreas Büttiker ist gerade aus Nürnberg zurückgekehrt. Der CEO der Baselland Transport AG (BLT) hat dort die führerlose U-Bahn unter die Lupe genommen. Er tüftelt an derselben Vision: Die Waldenburgerbahn (WB), die 2016 mit der BLT fusioniert wurde, ohne Chauffeur fahren zu lassen. «Wir betreten damit Neuland. Es gibt in ganz Europa keine vollkommen automatisierte Überlandbahn», sagt Büttiker.

Zum Start der neuen, auf Meterspur verbreiterten WB 2022 werde man noch mit Lokführer unterwegs sein. Doch dass die neue Technologie komme, sei «so sicher wie das Amen in der Kirche.» Er will damit im Waldenburgertal eine Aufbruchstimmung erzeugen – wie 1880 beim Bau der ersten Geleise. «Die Aufbruchstimmung, die wir so dringend nötig haben», fügt er an.

«Ein Glücksfall für die Region»

Die Worte des unermüdlichen öV-Managers werden im Baselbiet gut ankommen. Im Krisenkanton, der seit Jahren an Führungsschwäche und einem Mangel an Visionen leidet, sind starke, öffentlich sichtbare Persönlichkeiten Mangelware. Der kürzlich abgetretene Kantonalbank-Chef Beat Oberlin war eine solche Lichtgestalt, eine andere eben Büttiker.

Als «Glücksfall für die Region» und «wesentlichen Aktivposten im öffentlich-rechtlichen Bereich» bezeichnet Klaus Kirchmayr, Grünen-Fraktionschef im Landrat und Finanzexperte, den BLT-Chef aus Therwil. Dieser Einschätzung widerspricht niemand. Auch aus der Stadt kommen Respektsbekundungen. Der studierte Ökonom ist gewissenhaft und detailversessen, doch kein seelenloser Zahlenmensch.

Er kombiniert grosses Know-how mit unablässiger Begeisterung für Trams und Busse. Diese lässt er jeden spüren, der mit ihm zu tun hat. «Meine Kernaufgabe besteht darin, das feu sacré innerhalb der BLT zu befeuern», sagt Büttiker über sich.

Auch für die Journalisten ist Mister BLT ein Glücksfall: Büttiker hat bewusst darauf verzichtet, einen Stab mit Kommunikationsfachleuten einzurichten; er erledigt alle Medienanfragen selbst, in der Regel unkompliziert und rasch am Telefon. Nicht selbstverständlich für ein Unternehmen mit 100 Millionen Franken Jahresumsatz, knapp 500 Mitarbeitenden und hoher Präsenz in der Öffentlichkeit.

Er ist nah bei den Mitarbeitenden und zugänglich für Anliegen von aussen. Wer ihm eine Mail schreibt, kriegt umgehend Antwort. Wird ihm mitgeteilt, dass auf einer Tramkreuzung die Signalanlage streikt, so kümmert er sich persönlich darum.

Urs Steiner, CEO der Elektra Baselland (EBM), einem weiteren wichtigen öffentlichen Unternehmen im Kanton, ist begeistert von den Qualitäten Büttikers. Als ehemaliger WB-Präsident hat er mit Büttiker bei der Integration der WB in die BLT eng zusammengearbeitet. «Andreas Büttiker führt die BLT sehr direkt und unmittelbar», sagt Steiner.

Man könnte auch sagen: wie der Patron eines Familienbetriebs. Büttiker sei ein «unheimlich guter Kommunikator», so Steiner. Er ist Gesicht und Stimme der BLT zugleich. Die Wege sind kurz, die Strukturen schlank. Die BVB, die mehr als doppelt so grosse Schwester aus der Stadt, wirkt im Vergleich träge und krisenanfällig.

Die Basler Verkehrsbetriebe pendelten in den letzten Jahren zwischen Sex-Skandalen, Vetterliwirtschaft in der Teppichetage und dem hochtrabenden Anspruch, in der Champions League der öV-Unternehmen mitzuspielen. Die biedere BLT mit dem gewissenhaften sechsfachen Familienvater an der Spitze ging derweil unspektakulär und beharrlich ihren Weg.

Mit Basel clever verhandelt

Doch welche Verdienste Büttikers sind verbürgt? Zumindest für die BLT ist es ein Erfolg, dass sie sich als Unternehmen aus der Agglo gegenüber der Konkurrenz aus der Stadt behaupten konnte. Eine Fusion zwischen BVB und BLT wird politisch zwar immer wieder gefordert, drängt sich aber betriebswirtschaftlich nicht auf, schon gar nicht für die bestens aufgestellte BLT.

Clever agierte Büttiker im Seilziehen um den Betrieb des Margarethenstichs. Das Resultat spricht für sein Verhandlungsgeschick: Die BLT darf künftig mit dem 17er die prestigeträchtige Linie über die Wettsteinbrücke fahren und wegen der zunehmenden Bedeutung des oberen Kleinbasels als Arbeitsort auf stark steigende Fahrgastzahlen hoffen.

Demgegenüber werden die BVB dereinst den verlängerten 14er von Pratteln nach Salina-Raurica bedienen. Büttiker habe in den Verhandlungen die bloss halbwegs interessierten Basler über den Tisch gezogen, sagen Verkehrspolitiker aus der Stadt hinter vorgehaltener Hand.

Für sein Unternehmen holte der akribische Rechner das Beste heraus – nicht zum ersten Mal. Die Basis für den Erfolg seiner Tramlinien in der Stadt legte Büttiker bereits vor 15 Jahren: Seit Realisierung des Euroville-Projekts bedienen der 10er und 11er ohne Umsteigen den Basler Bahnhof SBB, was die Attraktivität der beiden Linien stark erhöht hat.

Mit dem Kauf von 38 Tango-Trams für 180 Millionen Franken hat die BLT unter Büttiker ihre Flotte zwischen 2008 und 2016 rundumerneuert. Die Trams wurden flächendeckend mit WLAN ausgestattet; an sich eine Kleinigkeit, die gleichermassen vom Innovationswillen Büttikers zeugt wie vom Wissen darum, dass es um mehr geht als den blossen Personentransport.

Dass die BVB 2010 aus der gemeinsamen Tango-Beschaffung ausgestiegen sind, bezeichnet Büttiker als «persönlichen Tiefpunkt» in den 21 Jahren an der BLT-Spitze. Die Zusammenarbeit funktioniere aber wieder bestens. «Mit BVB-Direktor Erich Lagler verstehe ich mich ausgezeichnet.» Die Unstimmigkeiten aus der Ära Martin Gudenrath/ Jürg Baumgartner sind kalter Kaffee.

Fehlleistung Schwulen-Plakat

Eine kommunikative Fehlleistung muss sich Strahlemann Büttiker freilich vorhalten lassen: 2015 wehrte er sich dagegen, dass in seinen Trams Plakate von sich küssenden Schwulen und Lesben – es ging um eine Kampagne eines Basler Jugendtreffs – aufgehängt wurden. Die Plakate könnten einen Teil der Fahrgäste stören, erklärte er.

Nachdem ein Shitstorm über ihn und die BLT hereingebrochen war, ruderte Büttiker zurück. Die Ablehnung sei ein «überlegter Bauchentscheid» gewesen, vielleicht habe man sich verschätzt. Bei seinem Verweis auf irritierte Fahrgäste hatte der bekennende Christ wohl Moralvorstellungen aus seinem Umfeld auf die gesamte Gesellschaft extrapoliert.

Als erfolgreicher Chef des grössten Baselbieter öV-Betriebs hat Büttiker grossen Einfluss auf die Verkehrspolitik des Kantons. Das hat jüngst für Verstimmungen gesorgt: Zunächst kritisierte er in der «Schweiz am Wochenende» den von der landrätlichen Bau- und Planungskommission vorgeschlagenen Abbau auf BLT-Buslinien im Unterbaselbiet.

Dass er kurz darauf auch bei den Parteien vorsprechen wollte, stiess teilweise auf heftige Ablehnung: «Dass Büttiker als Leistungserbringer in die Debatte um den öV-Leistungsauftrag des Kantons eingreift, geht nicht», sagt FDP-Fraktionschef Rolf Richterich. Die Einflussnahme durch Büttiker gehe zudem weit über solche Positionsbezüge hinaus. Dass dies bisher kaum ein Thema gewesen sei, zeigt für Richterich bloss eines: «Seine Rolle als Vertreter eines vom Kanton beauftragten Unternehmens wird angesichts seines hohen Standings zu wenig hinterfragt.»

Zur Kritik an der jüngsten Intervention sagt Büttiker: «Wenn ein solch unseliger Beschlussantrag vorliegt, ist es meine Pflicht und Verantwortung, die Politiker mit Fakten zu bedienen und die Konsequenzen aufzuzeigen.» Er schaue sicher nicht tatenlos zu, bis der Schaden angerichtet sei.

Hat er sich nie überlegt, in die Politik einzusteigen? Büttiker wurde vor den Regierungswahlen 2015 kurz als parteiloser bürgerlicher Kandidat gehandelt. «Diese Frage habe ich geklärt. Ich steige nicht in die Politik ein und trete keiner Partei bei.» Auch verspürt er keine Gelüste, das Unternehmen zu wechseln.

Dass er bis zur Pensionierung bei der BLT bleibt, sei ein «realistisches Szenario.» Es gebe noch so viele spannende Projekte. Um als BLT-Chef das führerlose Waldenburgerli einweihen zu können, bleiben ihm noch neun Jahre. Mit seiner Begeisterung und Innovationskraft wird Büttiker das schaffen.