Ist sie schon so weit heruntergekommen, unsere politische Kultur? Müssen wirklich im Kanton Baselland im Jahr 2015 Miliz-Gemeindepolitiker um die Sicherheit ihrer Familie, ihrer eigenen Person fürchten? Und das nur, weil sie kraft ihres Amtes unpopuläre Entscheide vertreten? Auch wenn wir es nicht wahrhaben möchten – aber es scheint so zu sein, wie ein schockierender Vorfall aus Muttenz zeigt.

Es sind weniger die Scherben, die zertrümmerte Eingangstüre, die Thomi Jourdan verzweifeln lassen. Der anonyme Attentäter, der am Dienstagabend gegen 23 Uhr einen zwei Fäuste grossen Steinbrocken mit solcher Wucht gegen Jourdans Haus warf, dass er die Eingangstüre durchschlug und durch den Gang ins einige Meter entfernte Wohnzimmer flog, hat weit mehr als nur Sachschaden angerichtet.

«Ich habe so etwas noch nie erlebt und spüre zum ersten Mal seit sehr Langem in meinem Leben eine tiefe Angst. Eine Angst um mich und meine Familie», schreibt der EVP-Politiker in einer Mail an seine Kollegen im Muttenzer Gemeinderat. Der Steinwurf verfehlte seine Frau nur um Zentimeter. Wäre zu diesem Zeitpunkt eines von Jourdans vier Kindern hinter der Eingangstüre gestanden, hätte es schwer verletzt oder sogar getötet werden können. Hat dies der Täter bedacht; oder sogar einkalkuliert?

Täter entkam unerkannt

Aber auch wenn es glücklicherweise nur beim Sachschaden geblieben ist: Es braucht wenig Vorstellungskraft, um nachzuvollziehen, was seine Frau und seine Kinder in dieser Nacht durchmachen mussten angesichts dieses Anschlags, der anonymen Bedrohung, der Aufregung der Nachbarn, der aufgebotenen Polizei zu später Stunde. Und welche Furcht bei ihnen in den nächsten Tagen und Wochen noch nachwirken wird.

Dass der Täter gefasst und überführt werden kann, daran glaubt Jourdan nicht. Er konnte in der Dunkelheit unerkannt entkommen. Auf dem Stein war eine Mobilfunkantenne gezeichnet. Selbst wenn dies kein abschliessender Beweis sein kann, muss Jourdan davon ausgehen, dass die Auseinandersetzung um die geplante Mobilfunkantenne auf dem Dach des Muttenzer Hallenbads den Beweggrund für die Tat bildet.

Die auf den Stein gezeichnete Mobilfunkantenne weist auf ein politisches Motiv hin.

Die auf den Stein gezeichnete Mobilfunkantenne weist auf ein politisches Motiv hin.

Vertreter einer benachbarten Siedlungs-Genossenschaft werfen dem Muttenzer Gemeinderat vor, dieser habe die Errichtung einer Anlage durchziehen wollen, ohne die Anwohner explizit über die Pläne zu informieren. Aus Angst vor der zu erwartenden Strahlung hat die Siedlungs-Genossenschaft inzwischen eine Sammeleinsprache eingereicht. Dass der politische Konflikt aber in einen brutalen Angriff auf die Privatsphäre von Jourdan, den für das Bauwesen zuständigen Gemeinderat, ausarten könnte, hätten sich wohl die wenigsten Involvierten vorstellen können. Darum ist es müssig und überflüssig zu spekulieren, aus welcher Ecke der Täter stammen könnte.

Noch weiss Jourdan nicht, ob er seine politische Tätigkeit fortsetzen möchte. «Die Linie gegenüber meiner Familie ist überschritten worden», stellt der ehemalige Landrat und Regierungsratskandidat fest. Jourdan wurde an den Gemeinderatswahlen 2012 mit einem Glanzresultat wiedergewählt. Er amtet seit Januar als Vizepräsident von Muttenz. Vom Gemeinderat und Präsidenten Peter Vogt hat sich der 41-Jährige noch in der Tatnacht bis auf Weiteres dispensieren lassen. Ob nur vorübergehend oder auf Dauer bis zu einem allfälligen Rücktritt, möchte er so kurz nach dem Anschlag offenlassen.

Jourdan, der langjährige, tief gläubige Streetworker, ist «völlig durch den Wind», wie er von sich selber sagt. Er stellt sich die Sinnfrage. Wofür das ganze Engagement? Wieso sich weiter für das Gemeinwohl einsetzen, wenn politische Auseinandersetzungen zunehmend erbittert geführt und auf die persönliche Ebene verlagert werden. Wenn in den Medien immer häufiger erbarmungslos auf den Mann, die Frau gespielt wird. Wer möchte schon die Sicherheit seiner Familie, seiner Kinder aufs Spiel setzen – für ein politisches Amt?

Es bleibt abzuwarten, ob in der Region nun eine ähnlich engagierte Debatte um die Politkultur und die notwendige Grenzziehung in der Art der Auseinandersetzung lanciert wird wie um den Standort einer Mobilfunkantenne.