Jede gelb-nervöse Zuckung auf dem Bildschirm im Stromhandelsraum der Elektra Birseck Münchenstein (EBM) steht für einen Deal: In den Kolonnen stehen die angebotenen und nachgefragten Strom-Mengen. In separaten Feldern die verlangten und angebotenen Preise, meist mit nur wenigen Rappen Differenz. Wer jeweils Anbieter oder potenzieller Käufer ist, sieht man nicht. Besonders hektisch geht es im Abschnitt zu, in dem der Strom der kommenden Stunde gehandelt wird. Die Zahlen ändern sich dauernd, bis sie übereinstimmen und mit gelbem Aufleuchten verschwinden: Deal!

Sklaven der Netzstabilität

Hintergrund der fiebrigen Aktivität auf dem Intraday-Bildschirm ist eine unangenehme Eigenschaft des elektrischen Stroms: Er lässt sich nur beschränkt, teuer und mühsam speichern. Man muss ihn also in dem Moment verbrauchen, in dem er produziert wird – und umgekehrt. Geraten im Netz Produktion und Konsum aus dem Gleichgewicht, kommt es zur Abschaltung, im schlimmsten Fall zum grossen Blackout.

Deshalb muss jedes Energieversorgungsunternehmen (EVU) auf die Viertelstunde genau bekannt geben, wann es welche Leistung benötigt – und diese im Voraus einkaufen. Liegt die Prognose daneben, muss das EVU bei Swissgrid – dem Schweizer Betreiber des Übertragungsnetzes – entweder die Fehlmenge sehr teuer zukaufen oder den Überschuss billigst abtreten. Beides ist mit Verlust verbunden. Also versucht jeder, per Intraday-Plattform im letzten Moment exakt so viel Strom im Portfolio zu haben, wie er dann effektiv in der fraglichen Viertelstunde seinen Kunden liefert.

«Dabei ist Spekulieren verboten», berichtet Thomas Meyer, Leiter Vertriebshandel der EBM. Es habe Schlaumeier gegeben, die am Vortag ein paar hundert Megawatt verkauften, die sie gar nicht hatten. Diese beschafften sie sich dann zu tieferen Preise auf dem Tagesmarkt, wenn EVU zuviel eingekaufte Mengen abstossen müssen. «Könnte ein Spekulant eine grössere Menge Strom nicht auftreiben, würde dies das Gleichgewicht im Netz gefährden.» Deswegen müsse jeder Teilnehmer am Vortag eine ausgeglichene Bilanz für den Folgetag ausweise.

Prognosen-Jongleure

Deutlich ruhiger geht es auf den vier Bildschirmen auf dem Stehpult von Andreas Castelmur zu und her. Selten ändert sich eine Zahl, die Deals folgen vergleichsweise gemütlich. Der Portfoliomanager Energiehandel kauft und verkauft hier den Strom der Zukunft. Auf einem weiteren Bildschirm kann er bei Reuters die Preisentwicklung anderer Energieträger wie Kohle, Öl oder Gas, Tankerbewegungen, den Zustand von AKWs, Wetterprognosen oder Wechselkurse, so ziemlich alles, was die Strompreise beeinflussen kann, abrufen.

Gehandelt wird in Losen von 5 Megawatt: Ein Klick auf einen Jahreskontrakt bedeutet einen Umsatz von rund 1,7 Millionen Euro. Dabei wird jeder Strom mehrfach umgeschlagen: Stellt sich 2019 heraus, dass die EBM 2021 weniger Kapazität benötigt, als sie bereits 2017 eingekauft hat, bietet sie den voraussichtlichen Überschuss wieder an der Börse feil. Kommt 2020 ein neuer Grosskunde hinzu, muss sie doch wieder mehr Strom beschaffen. «Ziel unseres Handels und der Energieversorger allgemein ist es, den künftigen Strombedarf abzusichern und zu beschaffen», erklärt Meyer. «Entsprechend sind wir interessiert an gleichmässigen Strompreisen. Wer dagegen den Handel auf Gewinn ausrichtet, sucht möglichst grosse Schwankungen, um von den Differenzen zu profitieren.»

Kunden könnten bald mitmachen

Auch wenn es einem Unternehmen wie der EBM nicht ums Zocken geht: Für den Handel – und um Preisschwankungen abzufedern – brauchts Börsenprofis. So war Castelmur früher im Devisenbereich tätig, bevor er in den Stromhandel wechselte.

Ein anderer Bildschirm gibt Auskunft über die Spotmarkt-Strompreise der nächsten Stunden die im Tagesverlauf um rund 17 Euro schwanken. Strom wird – so wie Öl in Dollar – in Euros gehandelt.

Derzeit sei man in der Branche mit Hochdruck daran, diese Tagesgang-Differenzen den Endkunden zugänglich zu machen, berichtet Meyer: Jeder Haushalt könnte einen kleinen Computer so programmieren, dass er Stromfresser wie den Boiler oder das Laden der Elektroauto-Batterie vor allem bei tiefen Preisen einschaltet. Vorläufig aber übernehmen es die Energieversorger, die Schwankungen auszugleichen und auf Tag- und Nachttarife umzurechnen.

Haben im früheren Monopolmarkt die Energieversorger nur unter Nachbarn Überschüsse und Defizite ausgeglichen, so gewinnt mit der Liberalisierung der Börsenhandel immer weiter an Bedeutung. Der Börsen-Zugang und das Reuters-Abonnement sind teuer, die Software findet man nicht auf der Strasse und die Spezialisten arbeiten nicht gratis: Für Gemeinde-Elektras ist eine eigene Handelsabteilung nicht finanzierbar und die gehandelten Lose sind zu gross. Entsprechend betreibt die EBM den Stromhandel als Dienstleistung auch für andere Energieversorger und Grosskunden.