Der ausgebildete Architekt Sascha Hottinger ist spezialisiert auf Visualisierungen von geplanten Bauprojekten. In seinem Büro Lichtbox auf dem Dreispitz kreiert er Bilder für private und öffentliche Auftraggeber.

  

Herr Hottinger, sollen Ihre Visualisierungen ein Projekt verkaufen, oder sollen sie eine sachliche Bewertungsgrundlage liefern?

Sascha Hottinger: Beides, je nach Auftraggeber und Projekt. Grundsätzlich sollten die Bilder möglichst realitätsnah umgesetzt und sehr ansprechend dargestellt werden. Schlussendlich will man mit den Bildern jemanden vom Projekt überzeugen.

Wie weit wird beim Darstellen übertrieben?

Ich persönlich bin kein Anhänger von Übertreibungen oder Verfälschungen. Aber vor allem in kleinen Innenräumen ist es üblich, die Brennweite auf 20 Millimeter oder noch weniger zu reduzieren, damit der Blickwinkel möglichst breit wird. Man kann auch die Umgebung «optimiert» darstellen oder manche Sachen detaillierter zeigen als andere. Dann kann man bei einem grossen Bauvolumen aus einem vorteilhaften Blickwinkel ein wenig die Wuchtigkeit nehmen oder auch die Nachbargebäude etwas vereinfacht darstellen.

Wie gross ist der Druck Ihrer Auftraggeber, ein verschönertes Bild zu zeigen?

Die meisten Bauprojekte sind architektonisch gut durchdacht und brauchen keine Verschönerung. Meistens kriege ich einfach nur den Auftrag, anhand von 2D-Plänen und dem Material- und Farbkonzept eine Visualisierung herzustellen, ohne weitere spezielle Anweisungen. Vielleicht kommt mal der Wunsch, das Gebäude zum Beispiel in einer Abendstimmung darzustellen.

Kriegt man mit guten Visualisierungen jedes Projekt durch?

Nein, das sehe ich nicht so. Eine Zeit lang gab es bei Wettbewerben die Tendenz, nur noch Strichvisualisierungen anzunehmen. Man wollte die Darstellung der Projekte vereinfachen und hielt die üblichen Visualisierungen für zu stark beeinflussend. Doch davon ist man wieder abgekommen. Denn letztlich hängt der Erfolg eines Projektes von seiner Qualität ab. Bei Wettbewerben schauen zwar sogar die Experten immer als Erstes die Bilder an, aber dann auch die Pläne. Sie merken, wenn die Visualisierungen geschönt sind.

Und wenn Architektur-Laien das letzte Wort haben, zum Beispiel an Gemeindeversammlungen?

Es gibt in den Gemeinden viele Experten, die die Pläne gesehen haben und die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen können, wenn bei den Bildern geschummelt worden ist. Und man darf eines nicht vergessen: Nicht alle können Pläne lesen. Viele sind auf Bilder angewiesen, um überhaupt eine Vorstellung eines Bauprojekts zu erhalten. Es stellt sich also die Frage, was besser ist: Gar keine Bilder, sodass gar nicht erst eine Entscheidungsgrundlage zur Verfügung haben; oder Bilder, bei denen man sich die Frage stellen muss, ob geschummelt wurde.

Hören Sie nach der Umsetzung eines Projekts oft die Bemerkung: «Das sieht aber nicht aus wie auf der Visualisierung»?

Nein, im Gegenteil. Meist höre ich: «Es sieht genau wie auf Ihren Bildern aus.»