Ein Journalist zu Besuch! Die Botschaft spricht sich in der Zivilschutzanlage in Pratteln schnell rum. Die Asylbewerber im provisorischen Empfangszentrum wittern die Chance, ihre Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen. «Schreiben Sie, dass man uns nicht wieder zurückschicken kann», fordert eine serbischer Roma. «Wir werden dort als Randständige behandelt und wollen in der Schweiz bleiben.» «Schreiben Sie, dass wir hier unten viel zu trockene Luft haben», sagt ein junger Mann, der sich paradiesische Zustände in der Schweiz erhofft hat. «Schreiben Sie, dass Herr Friedli ein guter, ja ein sehr guter Chef ist und wir hier hervorragendes Essen bekommen», befiehlt der 26-jährige Bosko in beachtlichem Deutsch, das er seit seinen Asyljahren nach 1998 in Deutschland spricht.

Innert 30 Stunden bereit sein

Noch bis Ende März soll die Zivilschutzanlage Asylsuchenden als Unterkunft dienen. Vor Weihnachten wurde sie notfallmässig bezogen, weil das Empfangszentrum in Basel aus allen Nähten platzte. Innert Stunden musste damals die Betreuungsservicefirma ABS, welche für die Organisation zuständig ist, für 100 Asylsuchende eine Bleibe bereitstellen. Acht Mitarbeiter mussten im Nu angestellt werden. Statt jeweils zwei Vorstellungsgespräche zu organisieren, bei Referenzpersonen anzurufen und Lebensläufe zu wälzen, verliess sich Franziska Ramseyer, Geschäftsleiterin Asylwesen bei ABS, auf ihr Bauchgefühl. «Als wir den Bescheid bekamen, dass die Zivilschutzanlage umfunktioniert wird, musste alles innerhalb von 30 Stunden bereit sein.» Mitarbeiter von ABS verzichteten auf ihre Ferien, neue Mitarbeiter wurden im Stundentakt eingestellt. «Ich glaube, das ist ziemlich gut rausgekommen», sagt Ramseyer und schaut in Richtung des Anlagenchefs Samuel Friedli, der nickt.

Die allermeisten Asylsuchenden wissen, dass sie nicht mehr lange in der Schweiz bleiben dürfen. Der Bund hat ihre Anträge schon abgewiesen oder wird es wohl noch tun. Und obwohl in der Zivilschutzanlage die immer gleichen Tage ins Land ziehen, will niemand zurück in den Balkan. «Gestern entstand fast so etwas wie Panik, als hier ein Bus vorfuhr», sagt Friedli. «Viele meinten, er hole sie ab.»

Beim Essen wird nicht gespart

In der Anlage bleibt nur das Warten. Immerhin: Ausser an Perspektiven mangelt es an nichts. Mittags gibt es warmes Essen, abends Brot mit Aufschnitt. «Auf vielfachen Wunsch haben wir die zweite warme Mahlzeit gestrichen», sagt Ramseyer, die betont: «Beim Essen sparen wir nicht. Das ist einfach zu wichtig.» In vielen Asylunterkünften wird auf Schweinefleisch verzichtet. Da in Pratteln überwiegend Christen einquartiert sind, steht das hier auf dem Menüplan. Besonders beliebt ist Salami, Früchte gibt es à discrétion und ein reichlich gesüsster Tee. «Viel zu süss für mich», wie Friedli mit seinen mitteleuropäischen Geschmacksnerven sagt.

Putzen müssen auch die Männer

Einem Hotelbetrieb kommt das Empfangszentrum trotzdem nicht gleich. Wie in den Schullagern hängt eine Ämtliliste im Gang, die an die Putzpflichten erinnert. WC, Dusche oder Aufenthaltsraum müssen sauber gemacht werden. «Männer müssen das genauso wie Frauen», sagt Friedli. Etwas gemurrt werde hin und wieder, aber meist könnten sich die Männer damit anfreunden, dass die Rollenverteilung im Haushalt in der Schweiz nicht so klar definiert sei.

Bosko, der 26-jährige Serbe, will den Beweis nicht lange schuldig bleiben, greift sich einen Putzlappen und rennt ins Bad. «Fotografier mich zum Beweis, dass ich meine Ämtli richtig mache.» Solange Bosko hier ist, soll es blitzblank sein. Dann aber verfinstert sich sein Blick. «Ich werde wohl wieder zurückmüssen nach Serbien. Ich besitze dort nichts und würde am liebsten nie wieder dorthin.» Friedli hält ihm seine Sichtweise entgegen: «Es sollte doch das Ziel sein, dass ihr euer Leben im eigenen Land auf die Reihe kriegt.»

Bosko wird nichts anderes übrig bleiben, als das zu versuchen.