Am Anfang stand die Musik. Respektive deren elektronische Verstärkung und die dazugehörigen Lichteffekte. Was klein begann und für die lokale Basler Bandszene gedacht war, entwickelte sich zu einem quasi weltumspannenden Unternehmen, zur Nummer 1 der Branche. Audio Rent mit Sitz in Aesch lässt heute die grössten Rockstars, etwa die Rolling Stones, und die schönsten Festivals, etwa das Moon & Stars in Locarno, gut tönen und aussehen.

Hinter dieser ungewöhnlichen, mittlerweile 35-jährigen Erfolgsgeschichte steht Jürg Hügin, geboren und aufgewachsen in Oberwil. Sein Herz schlägt noch immer für sein längst erwachsenes Baby. Doch vor einigen Jahren beschloss er, dass es jetzt genug der Sieben-Tage-Wochen sei. Er installierte ein Management und zog sich auf den Sitz des Verwaltungsratspräsidenten zurück, auf dem er sich seither um strategische Fragen sowie die wichtigsten Kunden kümmert.

«Du musst wieder in die Schule»

Plötzlich hatte er genug Zeit für seine zweite Passion: den Wein. Bisher kannte er nur die Geniesserseite, nicht aber jene des Produzenten. Durch Zufälle, wie sie nur das Leben schreibt, konnte Hügin 2007 an der Locarno gegenüberliegenden Seeseite im kleinen Dörfchen Vairano ein kleines Weingut kaufen. Wein wurde dort zwar schon lange nicht mehr gekeltert, die Rebberge waren verwahrlost und auch das stattliche Haus hatte schon bessere Zeiten erlebt.

Doch das stachelte Hügins Ehrgeiz nur zusätzlich an. Bei Werner Stucky, einem der renommiertesten Tessiner Winzer, holte er sich Rat. Dieser erklärte knapp und trocken: «Du musst wieder in die Schule.» Also besuchte der heute 58-Jährige die Weinfachschule Wädenswil. Schnellbleiche zwar nur, aber immerhin zwei intensive Kurse, die Hügin sowohl zur Arbeit in den Reben wie zu jener im Keller befähigten. Dann fragte Stucky: «Was ist Dein Lieblingswein?» Hügin, ganz unbescheiden, nannte den «Cheval Blanc», einer der teuersten und besten Weine aus dem Bordeaux. Dieser Saint Emilion besteht aus den Traubensorten Cabernet Franc und Merlot. Ersterer wird im Tessin fast gar nicht angebaut, letzterer dafür umso mehr.

Über die nächsten fünf Jahre wurde nicht nur das Haus instand gestellt, inklusive der Kellertechnik, sondern auch der Rebbestand der «Cantina Della Rocca» vollkommen erneuert. Auf rund ein Drittel der 2,5 Hektaren grossen, terrassierten Anbaufläche wurde die süditalienische Weissweinsorte Fiano gesetzt. Diese ist in der Schweiz eine absolute Exotin. Niemand baut sie an. Ausser Hügin. Die ersten Jahre hätten die Rebstöcke «nicht recht getan», er habe sie schon ausreissen wollen. Doch dann hätten sie sich mit dem Terroir und dem Klima doch noch angefreundet. Das Resultat: ein im Stahltank ausgebauter, etwas störrischer, nicht eben leicht zugänglicher Wein, der sich weniger zum Apéro, dafür ganz hervorragend als Essensbegleiter eignet. Selbst zu Fleischgerichten. Ein Tropfen für Liebhaber halt.

Auch der Rote ist alles andere als ein sanfter Gaumenschmeichler. Man braucht schon etwas Geduld mit ihm, um zu erahnen, was Hügin erreichen will. Angesichts der jungen Reben, deren Frucht erstmals 2010 in Flaschen gefüllt wurde, sind die Weine aber bereits heute erstaunlich kraftvoll und tiefgründig. Das liegt nicht zuletzt an der strikten Ertragsreduktion und ganz generell an der hochpräzisen Arbeit, die Hügin, seine Partnerin sowie ein bis zwei Angestellte leisten.

Mehr Weinpark als Weingut

Das Weingut sieht denn auch eher aus wie ein Weinpark. Da steht kein Halm quer, kein Weglein ist ungeharkt. Der Keller und die Gerätschaften zur Weinbereitung sind blitzeblank. Eine Idylle an perfekter Lage hoch über dem Lago Maggiore ist die Cantina Della Rocca, von der in den kommenden Jahren noch einiges zu erwarten ist. Die GmbH ist übrigens in Aesch eingetragen, wo die Weine auch gekauft werden können. Das Baselbiet hat also im Grunde einen Winzer mehr. Wer weiss, vielleicht macht Hügin einmal mit bei der Kür des basellandschaftlichen Staatsweines mit. Den Ehrgeiz dazu hätte er sicher.

Der Rotwein «Soma» 2014 kostet 44 Franken, der Weisse «Sita» 2015 kostet 36 Franken. Zu bestellen sind sie am besten per Mail. vini@dellarocca.ch oder via Website www.dellarocca.ch