Seismo Graf, wie sich der verrückteste Ladenbesitzer Basels nennt, fühlt sich bisweilen wie im Gefängnis. Seit acht Jahren sitzt er sieben Tage die Woche in seinem Ramschladen am Riehenring, und die Decke droht ihm unter der Last der 50 Kronleuchter auf den Kopf zu fallen, die er vergeblich loszuwerden versucht.

Denn kaufen will die Kronleuchter an einem durchschnittlichen Tag keiner. Genauso wenig wie all die Jacken, die sich bei ihm stapeln, all die Spiegel an den Wänden und all die Instrumente, die Staub ansetzen. Oft verkaufe er einen ganzen Tag nichts, sagt Seismo Graf. «Mein Konzept ist verkaufstechnisch eigentlich verboten», sagt Seismo Graf in Anspielung auf das Chaos in seinem Laden.

Doch zweimal im Jahr wird sein Gefängnis zu einem wahren «Tempel», wie er seinen Laden auch nennt. An der Uhrenmesse und an der Art. Besonders an der Kunstmesse verwandelt sich sein Sitzplatz hinter dem Schaufenster zu einem wahren «Logenplatz», wie er sagt. Die schönsten Damen und schrägsten Vögel liefen da vorbei. Ein paar verirren sich dann in den Laden des allerschrägsten Vogels, der seine Smalltalks am liebsten in Reimen führt.

Wenn Seismo Graf seine Ware feilbietet, klingt es so: «Kauf dir eine Trummel, dann hast du was zu fummeln.» Oder: «Kauf dir eine Jacke, dann frierst du nicht beim Kacken.» Den Kunden verspricht er vollmundig ein Mental- und Facelifting: «Wenn du in meinen Laden kommst, staunst du einfach nur noch.» Leute aus New York hätten ihm gesagt, dass sie so etwas in den USA noch nie gesehen hätten.

Und trotzdem: Seismo Graf hat die gleichen Probleme wie alle Detailhändler: «Die Leute kommen rein und hoffen, dass es billiger ist als im Internet.» Das ärgert ihn, denn er bietet keinen Schund an. Ein Hut kann bei ihm auch mal 200 Franken kosten. Da fehlt selbst den grössten Stars manchmal das nötige Kleingeld. Erykah Badu war einst da und reservierte sich ein Kleidungsstück. Das holte sie aber nie ab. Und Sheryl Crow kaufte sich auch nichts.
Bald konkurs?

Heuer waren noch keine Promis bei ihm zu Besuch, sagt Seismo Graf. Aber immerhin sind genügend Kunden in seinem Laden, die sich nur schwer seinen Fängen entziehen können. Zwei spanischsprechenden Frauen rät er ungefragt, sich mehrere Ehemänner zuzutun. Einen Franzosen, einen Russen, einen Chinesen. «Und immer wechseln: Dann lernen Sie die Sprache am besten.»

Eine verdutzte Londonerin lädt er zum Tanz. Und einem anderen Touristen, der sich mit der Ausrede aus dem Laden stiehlt, er habe keinen Platz im Koffer, ruft Seismo Graf nach: «Komm zurück. Mit Geld.» Der verspricht, im nächsten Jahr zurückzukehren.

Vielleicht steht er dann vor verschlossenen Türen. Seismo Graf ist 73 Jahre alt. Fragen zu seinen Zukunftsplänen beantwortet er ebenso geheimniskrämerisch wie jene nach seiner Vergangenheit. Ausbildung und Beruf seien «passé», lässt er auf der Homepage wissen. Zum Lebenslauf schreibt er: «Im Zick Zack, wie ein Hase auf der Flucht (vor mir selbst?) immer selber schuld.» Und seit seiner «Wiedergeburt 2011» sei eines seiner Interessen, den Leuten das Geld aus der Hose zu ziehen und im Gegenzug (fast) das Beste Secondhand zu bieten.

«Zu alt» sei er nun, sagt Seismo Graf dafür. Doch freiwillig geht der verrückteste Verkäufer Basels wohl nicht in Pension. «Aber vielleicht bin ich ja bald konkurs», sagt er und macht einen Gesichtsausdruck, als wüsste er selbst nicht, ob dies nun ein Witz ist.