Auch dieses Jahr hat der August gut begonnen. Mit einem Montag als Freitag. Ein rauschendes Geburtstagsfest für alle. Wir haben unser Vaterland gefeiert, Mutter Helvetia war Jubilarin. Der Dame auf unseren Münzen galten alle Festreden und Feuer, Kracher und Klöpfer quer durchs Land. Obwohl niemand so genau weiss, wie alt sie eigentlich ist, OMG (Oh my God): 725 Jahre seien es gewesen. Helvetia – keine Schweizerin aus Fleisch und Blut, sondern unsere unsterbliche, symbolische Landesmutter. Und deshalb viel älter als die Queen of England. Da können wir stolz sein.

Ich erinnere mich an meine Kindheit. Wir hatten in Bern eine Urgrosstante namens Miggi. Sie war so etwas wie die Helvetia unserer Familie, eine üppige, weisshaarige und liebevolle Familienqueen. Sie sprach natürlich Berndeutsch statt Englisch. Und wenn schon statt hochdeutsch lieber vornehmes Französisch. Die alte Frau strahlte für uns Kinder Würde und Weisheit aus, als wäre sie eine veritable Landesmutter. Zu ihrem Geburtstag pilgerte die Verwandtschaft jeweils in die Hauptstadt – und das war stets am ersten August!

Irgendwann ist Tante Miggi dann achtzig Jahre alt geworden. Das war früher noch etwas Besonderes – und mit achtzig Lenzen galten Frau und Mann als wirklich betagt. Nur wenige konnten bei Gesundheit noch ein rechtes Fest feiern. Tante Miggi hat es getan, mit achtzig geladenen Gästen, zu denen auch ich als Knirps gehört habe. Wisst ihr, Augustkinder sind unvergleichlich und Erstaugustkinder etwas ganz Besonderes, hat sie uns jeweils zugeflüstert – nicht nur, weil das ganze Land mitfeiert.

Erstaugustkind ist der Fussballer Bastian Schweinsteiger, war der Couturier Yves St. Laurent. Augustkinder sind oder waren Leute wie Fidel Castro, Sean Connery, Mutter Teresa, Michael Jackson, Louis und Neil Armstrong, Barack Obama, Johann Wolfgang von Goethe, Napoleon Bonaparte. Unsere Tante Miggi war in allerbester Gesellschaft!

Zu allen Jahreszeiten pflege ich als Pfarrer Geburtstagsbesuche zu machen oder mindestens Glückwunschkarten zu verschicken. Viele heutige Achtzigjährige stehen noch voll im Leben, sind aktiv und mobil – und fühlen sich meist alles andere als betagt. In unserer Kirchgemeinde hat es so viele, dass wir nur noch eine Minderheit davon besuchen und ihnen persönlich gratulieren können. Nicht wenige feiern diesen Runden im kleinen Kreis auf der Hurtigroute, auf Kreuzfahrten zwischen Reykjavík und Dubai oder im Ferienhaus in den Bergen. Wir werden durchschnittlich immer älter: Mancher darf neunzig werden, um sich wie ein Achtzigjähriger von damals zu fühlen.

Nicht versäumen zu erwähnen will ich, dass meine Mutter ebenso zum Kreis dieser glücklichen Augustkinder zählt und dieser Tage gross ihren Achtzigsten feiert – aktiv, mobil wie eh und je. Die Kreuzfahrt gibt’s bei ihr zum Dessert.

Gerne gratuliere ich allen augustgeborenen bz-Leserinnen und -Lesern, welche in diesem Monat Geburtstag feiern dürfen, herzlich – egal ob es 50, 80 oder 725 Jahre sind!