Michèle Meyer kniet auf den Pflastersteinen vor dem Regierungsgebäude in Liestal. Unter ihr und um sie herum ist ein riesiges Tuch ausgebreitet. «Hungertuch» steht darauf. Das aktuell knapp sechs auf zwölf Meter grosse Flickwerk besteht aus einer Vielzahl von kleinen Tüchern, die sie aneinandernäht.

Seit Mai arbeite sie daran, erzählt sie. Im April hatte der Landrat beschlossen, den Grundbedarf in der Sozialhilfe um einen Drittel zu kürzen. Das sei für sie der ausschlaggebende Punkt gewesen, ihr Hungertuchprojekt zu starten. Meyer selbst bezieht eine IV-Rente und setzt sich seit Jahren für unterschiedliche Anliegen ein.

Das Hungertuch schnürt Meyer vor jeder Landratssitzung zu einem Bündel zusammen, packt es auf einen Anhänger und fährt mit der Waldenburgerbahn nach Liestal und am Abend wieder zurück nach Hölstein. Sie möchte die Parlamentsmitglieder mit den Auswirkungen ihrer Entscheidungen konfrontieren. An der Sitzung vom 30. August nähte sie das erste Mal vor dem Regierungsgebäude. Früh morgens sei da eine Frau über das Tuch zum Eingang gelaufen. Es müffle, kommentierte sie die Aktion von Meyer. «Das stimmt, Armut stinkt», antwortete diese.

Den Trauerflor anlegen

Am Mittwoch arbeitete Meyer an der zweiten Schicht des Hungertuches: Mit schwarzem, halbtransparentem Stoff soll es einen Trauerflor angelegt bekommen. Stich für Stich gestaltet sie ihr Tuch weiter. Mit ihrer Aktion will sie nicht nur gegen die Kürzungen der Sozialhilfe protestieren: «Ich möchte auch auf das gesellschaftliche und soziale Frieren und den Umgang miteinander und den Schwächsten der Gesellschaft aufmerksam machen», erklärt die Näherin.

Es gehe ihr um den Abbau der Bildung und der Kulturunterstützung, die der Landrat vorantreibe. Die Parlamentsmitglieder würden sehr unterschiedlich auf die Aktion reagieren. An der letzten Sitzung habe ein Parlamentarier die Aktion gelobt. «Der war mindestens FDP», mutmasst Meyer. Sie sieht sich als Aktivistin, war jahrelang nicht Mitglied einer Partei, bis es sie zur SP verschlug.

Nähen will sie auch bei Wind und Wetter

Bis mindestens Ende Jahr möchte die Aktivistin bei jeder Sitzung vor dem Regierungsgebäude mit ihrer Protestaktion präsent sein. Von Wind und Wetter will sie sich dabei nicht beirren lassen.

Heute sitzt sie noch in der prallen Sonne, im Winter werde sie sich dick anziehen, vielleicht ins Hungertuch einkuscheln und sich so gegen die Kälte schützen, sagt sie. Das Hungertuch wird dann nicht nur symbolisch die Kälte anprangern, sondern ganz praktisch gegen die Winterkälte schützen.