Das war ein Sprung ins ziemlich kalte Wasser. Am 1. November trat Fabien Schirmer (31) seine Stelle als Co-CEO des Uhrwerkherstellers Ronda an – er teilt sich die operative Führung mit seinem Bruder Pascal (29) – und schon muss er einen Entscheid mittragen, der auch einem altgedienten Chef Bauchweh machen würde. Im Januar ist für den Grossteil der 250 Mitarbeiter am Hauptsitz in Lausen, aber auch bei der Tessiner Tochtergesellschaft in Stabio Kurzarbeit angesagt. Dies trifft in erster Linie die Produktion.

Schirmer verweist auf die vor allem in China, dem Nahen Osten und in den USA schwierige Lage der Uhrenindustrie. Die Chinesen seien wegen der wirtschaftlichen Baisse zurückhaltender geworden beim Kaufen von Schweizer Uhren. Zudem mieden sie wie auch die Araber als kaufkräftige Touristen nach den Terroranschlägen Europa und würden damit auch hier weniger Uhren erwerben. In den USA fände ein Wechsel im Verteilsystem statt. Die traditionellen Warenhäuser verlören laufend Kunden an den Internethandel, was die Uhrenhersteller verunsichere. Schirmer muss es wissen, arbeitete er vor seinem Firmeneintritt doch vier Jahre bei einem amerikanischen Uhrenhersteller. Zumindest bei den Luxusuhren sei jetzt aber wieder ein Aufschwung spürbar.

Keine weiteren Entlassungen

Doch das nützt der Ronda vorerst wenig. Denn sie ist als eine der führenden Herstellerinnen von Quarz-Uhrwerken im mittleren Preissegment tätig. Dazu kommt, dass Krisen, aber auch Aufschwünge die Ronda jeweils als einen der letzten in der Herstellungskette tangieren. Geht’s aufwärts, bauen die Uhrenhersteller zuerst ihre vollen Lager ab, bevor sie wieder neue Uhrwerke bestellen. Die Ronda hat deshalb beim kantonalen Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Kiga) auch vorsorglich um die Bewilligung von Kurzarbeit für drei Monate nachgesucht und diese auch erhalten. Ob sie davon im Februar und März ebenfalls Gebrauch machen werde, entscheide die Geschäftsleitung kurzfristig, sagt Schirmer.

Kurzarbeit war bei der Ronda auch vor Fabien Schirmers Amtsantritt ein Thema, so während dreier Monate im letzten und während fünf Monaten in diesem Jahr bis Ende Juni. Zudem entliess die Firma im August sieben Mitarbeiter. Der Ökonom Schirmer sagt: «Zu den Entlassungen kam es, weil wir Überkapazitäten abbauen mussten. Das ist das letzte Mittel. Andererseits stellen wir im Rahmen neuer Entwicklungen aber auch Fachkräfte an. Die Kurzarbeit hingegen dient dazu, Zeiten schwacher Nachfrage überbrücken zu können.» Weitere Entlassungen schliesst Schirmer für die nächste Zeit aus. Er erhofft sich vielmehr von der «Baselworld» von Ende März, an der die Ronda teilnimmt, positive Zeichen. Vor dieser Messe herrsche in der Uhrenbranche Zurückhaltung, weil man nicht wisse, welche Trends sich durchsetzten, sagt Schirmer.

Hoffnungsträger «Ronda mecano»

Ronda hat vor sechs Jahren das Heft aber auch selber in die Hand genommen, um sich krisenresistenter zu machen. Der Uhrwerkproduzent, der zuvor über drei Jahrzehnte ganz auf Quarz-Uhrwerke setzte, begann, ein mechanisches Uhrwerk zu entwickeln. In diesem Jahr sind nun die ersten paar Tausend dieser Werke namens Ronda mecano verkauft worden.

Das ist zwar noch nichts im Vergleich zu den geschätzten 20 Millionen Quarzwerken, die die Ronda jährlich weltweit vertreibt. Geschätzt deshalb, weil die Ronda als «Family Business», wie es Verwaltungsratspräsidentin Elisabeth Schirmer-Mosset ausdrückt, keinerlei Zahlen herausgibt; sie ist Tochter des Firmengründers William Mosset und Mutter der beiden Co-CEO. Aber Fabien Schirmer rechnet damit, dass bis in drei bis vier Jahren «mehrere 100'000» mechanische Uhrwerke die Ronda-Fliessbänder verlassen. Doch vorher müsse diese Industrialisierung von der Einrichtung über die Prozesse bis zur Feineinstellung der Maschinen abgeschlossen werden.

Den Marktleader bedrängen

Mit den mechanischen Werken steigt die Ronda auch in ein höheres Uhren-Preissegment mit grösserer Wertschöpfung ein. Denn der Verkaufspreis eines «Ronda mecano» bewegt sich um 65 Franken, jene eines Quarzwerks im einstelligen Frankenbereich. Und Schirmer sieht noch einen weiteren Vorteil: Bei der Swatch Group als grösstem Schweizer Hersteller von mechanischen Uhrwerken komme es immer wieder zu Lieferschwankungen, weil sie zuerst ihren eigenen Bedarf abdecke. Davon könne Ronda, die keine eigenen Uhren, sondern nur Uhrwerke herstellt, profitieren. Schirmers Ziel heisst bei den mechanischen Uhrwerken: «Wir wollen zu einem ernsthaften Konkurrenten des Marktleaders werden.»

Der Jung-CEO schaut denn auch zuversichtlich auf seine bevorstehenden, ersten Jahre in der Verantwortung: «Ich hoffe auf mehr Stabilität, einen Aufwärtstrend im Quarzbereich und dass wir richtig loslegen können bei den mechanischen Uhrwerken.» Und er fügt an: «Mein Bruder und ich sind dankbar für das Wissen und die Unterstützung der Familie und der erfahrenen Geschäftsleitung.» Das macht das Wasser ein wenig wärmer, in das sich die beiden neuen Chefs im November wagten.