Michail Schischkin, wie kommt es, dass Sie nach Jahrzehnten in Grossstädten in ein kleines Dorf gezogen sind?

Michail Schischkin: Seit ich vor einem Jahr nach Kleinlützel gezogen bin, wird mir diese Frage immer wieder gestellt. Es ist, als ob ich mich dafür rechtfertigen müsste. Meine Frau, meine beiden Töchter und ich wollten in einer schönen Landschaft im Grünen leben. Kleinlützel ist eine wunderbare Wohngegend. Von hier aus kann man viele schöne Wanderungen machen. Und wir sind sehr freundlich aufgenommen worden.

Von Moskau, wo sie aufgewachsen sind, und von Zürich, wo sie 15 Jahre gelebt haben, kamen Sie in ein kleines Dorf – das war eine riesige Umstellung.

Wissen Sie, wenn man nicht mehr ganz jung ist, und die ersten grauen Haare kommen, dann muss man nicht mehr mitten im Geschehen einer pulsierenden Grossstadt sein. Kleinlützel ist sehr ländlich, was ich sehr schätze. Aber in die Stadt Basel oder zum Flughafen ist es nur eine gute halbe Stunde. Das ist ideal für meine Familie und mich.

Russland ist ein riesiges Land mit Grenzen, die weit auseinanderliegen. Nun leben sie an der Grenze zu Frankreich in der Schweiz, einem kleinen Land mit vielen Grenzen. Wie erfahren Sie diese Grenzen?

Das war für mich eine völlig neue Erfahrung. In Russland habe ich Landesgrenzen nie wahrgenommen. Man durfte ja lange Jahre, bis 1991, ohnehin kaum reisen. Als ich 1995 in die Schweiz kam, konnte ich nicht verstehen, wie in einem solch kleinen Land so viele Mentalitäten, Sprachen und Kulturen friedlich miteinander leben können. Die Schweiz ist ein sehr gutes Beispiel für die Koexistenz verschiedener Kulturen. In Russland haben sich verschiedene Ethnien immer wieder bekämpft; und sie tun es noch immer. An die Grenzen hier habe mich gewöhnt. Es sind ja offene Grenzen.

Sie wissen bestimmt schon, was «Kleinlützel» wörtlich bedeutet...

Ja, «Klein-klein» – das ist das erste, was man mir erklärt hat, als ich hierher gezogen bin.

Sie leben fern von Ihrer russischen Heimat und abgeschnitten von Ihrer russischen Muttersprache. Welche Schwierigkeiten bereitet dies beim Schreiben?

Natürlich fehlt mir der tägliche Klang der russischen Sprache, die einem im Alltag umgibt, wenn man in Russland lebt. Für einen russischen Autor ist es nicht so wichtig, wo er schreibt, sondern dass er auf Russisch schreibt. Um sich selber, sein eigenes Land und dessen Geschichte besser zu verstehen, muss man raus. Ohne ins Ausland zu reisen, lebt man wie in einem Haus ohne Spiegel.

Ihr Roman, aus dem Sie soeben in Laufen gelesen haben, trägt den Titel «Venushaar». Damit gemeint ist ein Farn, das in Russland als Zimmerpflanze gilt, in andern Ländern aber als Unkraut. Haben Sie in Kleinlützel diesen Farn schon entdeckt?

Nein, bis jetzt nicht. Ich habe auch nicht danach gesucht. Das Venushaar ist ein Symbol für die menschliche Wärme, die Liebe. Im russischen Winter kann die Pflanze Adiantum capillus-veneris ohne menschliche Wärme nicht überleben.

Wie ist es als Autor, sein Buch übersetzt zu sehen in eine Sprache, die man selber sehr gut beherrscht?

Das war tatsächlich eine sehr schwierige Erfahrung für mich. Wenn ich zum Beispiel eine chinesische Übersetzung eines meiner Bücher in den Händen halte, freue ich mich. Bei einer deutschen Übersetzung bleibt ein mulmiges Gefühl. Als Autor wird mir bewusst, welche russischen Wörter eigentlich nicht oder nur sehr schwer übersetzbar sind. Bei der Übersetzung von «Venushaar» habe ich aber eng mit dem Übersetzer Andreas Tretner zusammengearbeitet.