Die EBM übernimmt zusammen mit zwei Konsortiums-Partnern das lokale Stromverteilnetz in der Region rings um das AKW Gösgen. Am Freitag unterschrieb sie zusammen mit den städtischen Betrieben Olten (SBO) und UBS Clean Energy Infrastructure Switzerland (UBS-CEIS) den Kaufvertrag für 96,7 Prozent der Aktien der Alpiq Versorgungs AG (Avag).

1 Was hat die EBM insgesamt eingekauft?

Die Avag ist eine reine Netzgesellschaft. Ihr gehören die Mittel- und Niederspannungsnetze – also Leitungen, Transformatoren etc. – in den rot eingezeichneten Gebieten auf der Karte. Die Avag ist zudem zu 50 Prozent beteiligt an der Aare Energie AG (A.EN). Die anderen 50 Prozent der A.EN sind Eigentum der SBO.

SBO und Avag haben selbst kein Personal, der ganze Betrieb wird von der A.EN abgewickelt. Indem die EBM 65,4 Prozent der Avag-Aktien kauft, wird sie auch zu 32,7 Prozent Eigentümer der Betreibergesellschaft A.EN. Mehrheitsaktionär ist dort die SBO: Zu ihren bisherigen 50 Prozent kommen die rund 5 Prozent des Avag-Aktienpaketes, welches das Konsortium der Alpiq abgekauft hat.

2 Wer sind die anderen Konsortiumspartner?

Die SBO mit rund 10'000 Kunden gehören zu 100 Prozent der Stadt Olten und besitzt neben dem Strom- auch die Gas-, Wärme- und Wasser-Versorgungsnetze in Olten und umliegenden Gemeinden, wobei das operative Geschäft durch die A.EN abgewickelt wird.

UBS-CEIS ist ein Fonds, der 40 Institutionelle Investoren – vor allem Pensionskassen und Versicherungen – ermöglicht, in Energie-Infrastruktur zu investieren. Da der UBS die Detailkenntnisse des Energiemarkts fehlen, werden die UBS-CEIS-Investitionen von der Fontavis AG aus Baar (ZG) gemanagt. UBS-CEIS ist an 12 weiteren Schweizer Gesellschaften beteiligt, darunter mit 49 Prozent Anteil an der Birseck Solar AG, einer Tochter der Aventron, an der ihrerseits wiederum die EBM als grösster Aktionär beteiligt ist.

3 Welchen Wert hat das gekaufte Stromnetz?

Beat Huber, Geschäftsleitungsmitglied bei Fontavis, bezeichnete gestern an der Medienkonferenz die Avag als eine «solide Firma mit einem Profil, das Institutionelle Investoren suchen: wenig Risiko, sehr viel reguliertes Geschäft und eine konstante Rendite». Der Wert des Avag-Netzes dürfte recht genau dem Verkaufspreis von 312 Millionen Franken entsprechen. Zum Vergleich: Das EBM-Netz steht mit 315 Millionen Franken in der Bilanz.

Die beiden Netze sind somit praktisch gleich bewertet. Sie weisen aber eine unterschiedliche Struktur auf: Die EBM übernimmt den Strom vom überregionalen Netz der Swissgrid und führt ihn 120'000 Endkunden zu. Die Avag bedient zwar nur 30'000 Kunden. Seinen Wert bekommt das Netz aber dadurch, dass auch Strom für benachbarte Energieversorger hindurchgeleitet und dafür kassiert wird.

4 Wie sehen die Avag-Zahlen für die EBM aus?

2015 machte die Avag einen Umsatz von 96 Millionen Franken, bei der EBM betrug er rund das Vierfache (407 Millionen). Die Avag schrieb einen Jahresgewinn von 2,7, die EBM von 19,8 Millionen Franken. Für die Käufer interessant: Die Dividende betrug 40 Franken je Avag-Aktie. Mit 65,4 Prozent Anteil hat die EBM 32'700 der total 50'000 Aktien. Bleibt die Dividende gleich hoch, kann sie also bei einer Investition von 209 Millionen Franken mit einer jährlichen Ausschüttung von 1,3 Millionen Franken rechnen.

Dies scheint aber nicht das Hauptmotiv des Avag-Kaufs zu sein: Vielmehr betont CEO Conrad Ammann, dass man beispielsweise durch die gemeinsame IT-Nutzung Kosten senken könne. «Wir sind überzeugt, dass wir gemeinsam mit A.EN, mit SBO und Avag die Chance haben, zu einem der führenden Versorgungsunternehmen in der Region zu wachsen», erklärt Ammann.

5 Welche Gemeinden gehören zum Avag-Netzgebiet?

Die 14 Gemeinden Schönenwerd, Niedergösgen, Trimbach, Wangen, Lostorf, Rickenbach(SO), Winznau, Starrkirch-Wil, Stüsslingen, Balsthal, Gretzenbach, Hauenstein-Ifenthal, Walterswil und Wisen sind mit insgesamt 3,3 Prozent Anteil Minderheitsaktionäre der Avag AG und werden über deren Netz beliefert. Obergösgen, Dulliken, Däniken und Gretzenbach haben 2007 ihre Stromnetze von der Avag zurückgekauft. Diese unterhält und betreibt diese Netze und die Strassenbeleuchtung weiterhin im Leistungsauftrag.

6 Wie geht es nun weiter?

Die Zeit vor dem Kauf war ausgefüllt mit Verhandlungen der Konsortiumspartner untereinander und des Konsortiums mit der Alpiq. Operativ und organisatorisch gehe es nun vorläufig weiter wie bis anhin. Verschiedenen Äusserungen war aber an der Medienkonferenz zu entnehmen, dass die Zusammenarbeit bald intensiviert wird.

Gemäss Statuten können Hauseigentümer, die von der EBM beliefert werden, Genossenschafter werden. «Mit der Übernahme der Avag-Mehrheit durch die EBM werden wir prüfen, ob wir diese Möglichkeit auch den Avag-Kunden bieten», erklärte Ammann.

Erhebliche Unterschiede gibt es in der Energiepolitik: Das EBM-Standardprodukt besteht zu 95 Prozent aus Wasserstrom und 5 Prozent neuen erneuerbaren Energien. Die Avag deklariert 72,16 Prozent Atomstrom, 0,8 Prozent Solarstrom, die restlichen 22,86 Prozent sind Wasserkraft.