«An allen Schulen haben wir Gewalt, aber flächendeckend haben wir kein massives Gewaltproblem», sagt Katja Iseli. Die Psychologin untersucht die Gewalt an Schulen der Region Basel. Schätzungen zur Folge seien 20Prozent aller Schüler in europäischen Schulen von Gewalt betroffen. «Dieser Wert gilt wahrscheinlich auch fürs Baselbiet», betont Iseli.

Drei Monate intensive Betreuung

«Die Jugendlichen versuchen zwar häufig aus der Gewaltspirale auszusteigen, doch ohne professionelle Hilfe sind viele dazu kaum in der Lage», sagt Urs Rohrbach, Co-Leiter Institut für Gewaltberatung. Die Schulen seien, trotz Sozialarbeiter, oft mit der anhaltenden Gewalt überfordert.

Diese Einschätzungen lässt Roland Plattner, Generalsekretär Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion, so nicht gelten. «Wir haben zum einen ein Sicherheitshandbuch für Schulen und zum anderen bilden wir momentan die bestehenden Kriseninterventionsteams weiter – unter anderem durch Spezialisten der Polizei. Diese Teams befassen sich auch mit Aspekten der Prävention.» Das private Projekt wird dennoch vom Regierungsrat über den Lotteriefonds unterstützt.

Die Gewaltberater verstehen ihren Kurs als Angebot und nicht als Bestrafung, die es abzusitzen gilt. Entsprechend unterscheide sich, so Rohrbach, der «Statt-Gewalt-Kurs» von anderen Anti-Gewalt-Trainings dadurch, dass die Berater die Jugendlichen während dreier Monate intensiv begleiten. Das Ziel ist, dass sich die Jugendlichen bewusst werden, dass sie für ihre Gewalttaten verantwortlich sind. Zudem sollen sie lernen, wie sie schlagfertig, aber ohne Gewalt handeln können.

Der dreimonatige Kurs ist in Module aufgebaut. Er beginnt mit mehreren Gruppensitzungen. Dabei betätigen sich die Jugendlichen beispielsweise bei einem stressigen und sehr hektischen Spiel. Wenn sich einer nicht an die Regeln hält, stoppen die Schiedsrichter das Spiel und machen den Jugendlichen auf sein Verhalten aufmerksam. «Damit sensibilisieren wir sie, in Stresssituationen auf ihren eigenen inneren Schiedsrichter zu hören, der sie stoppt», erklärt der Gewaltberater.

Migrationshintergrund kann belastend sein

Persönlich wird es beim zweiten Schritt – den Einzelgesprächen. Hier gehen die Trainer individuell auf die Jugendlichen und auf die Gründe für ihre Gewalttätigkeit ein. Die Jungs sind zwischen 14 und 16Jahre alt und haben unterschiedliche Hintergründe. Rohrbach: «Oft spielen mehrfache Belastungen eine Rolle, wie soziale Inkompetenz, Schulschwäche, Probleme zu Hause und die Pubertät. Auch ein Migrationshintergrund kann belastend sein.» Ein Beispiel: Zu Hause ist der junge Mann der kleine Prinz, auf den die Eltern stolz sind. Er hat Probleme in der Schule, muss aber eine heile Welt vorspielen. Ein Telefon des Lehrers ist stets als Horrorvorstellung im Hinterkopf.

«Der Kurs hat einen guten Ansatz, ist allerdings nichts Neues», sagt Psychologin Iseli. Nachhaltige Gewaltprävention müsse die ganze Schule und die Erziehungsberechtigten einbeziehen. Aber dafür fehlten das Geld und die Zeit. «Solange nichts wirklich Schlimmes geschieht, stehen die notwendigen Ressourcen leider nicht zur Verfügung», kritisiert Iseli.

Strategien gegen Provokationen

In abschliessenden Gruppentreffen sollen die Jugendlichen von ihren Fortschritten gegenseitig profitieren und Strategien für gewaltlose Handlungsalternativen austauschen. Beispielsweise wandelt einer ein für ihr provozierendes Schimpfwort in einen anderen Begriff um. «Dies hilft ihm bei der nächsten Beleidigung mehr Distanz zu gewinnen und sich nicht mehr provozieren zu lassen», sagt Gewaltberater Rohrbach. Aus «H****sohn» wird «Sonnenuhr».