Andreas Koellreuter, was sind Ihre lebhaftesten Erinnerungen an die Zeit des Laufentaler Kantonswechsels?

Andreas Koellreuter: Da gibt es viele. Vor allem schöne, aber auch einige, die meine Familie und mich damals belastet haben. Im Herbst 1993, im Umfeld der entscheidenden eidgenössischen Abstimmung zum Kantonswechsel des Laufentals, ging es wild zu und her. Meine Frau hat einige anonyme Briefe und Anrufe erhalten, zum Beispiel mit der Drohung, dass man uns den Hof anzünden werde. Auf die Strasse, die zu uns in die Klus führt, sprayte jemand «BL nie». Am Samstag vor der Abstimmung wollte einer in Münchenstein die Birs-Holzbrücke in die Luft sprengen. Zum Glück ging die Ladung nicht los, ein Polizist entdeckte den Sprengsatz. So konnten wir die Angelegenheit bis nach der Abstimmung unter dem Deckel halten.

Konnten Sie mit der aufgeheizten Stimmung gut umgehen?

Als kantonaler Justiz- und Polizeidirektor muss man eine harte Haut haben. Ich konnte die Angriffe gegen meine Person gut wegstecken, das gehörte gewissermassen zum Amt. Ich wurde wohl auch deswegen angefeindet, weil ich lange vor meiner Zeit in der Regierung mal die Laufentaler Bewegung auf meinem Hof bewirtet hatte. Da war ich für die Proberner abgestempelt. Nicht in Ordnung fand ich, dass meine Familie im Abstimmungskampf zur Zielscheibe wurde. Darunter habe ich gelitten.

Wie erlebten Sie den Abstimmungssonntag im September 1993?

Das war ein sehr spezieller Tag. Ich war von der Laufentaler Bewegung eingeladen worden, in ihrem Festzelt auf dem Amtshausparkplatz in Laufen eine Rede zu halten. Sowohl mein Umfeld als auch der Berner Polizeikommandant rieten mir allerdings, aus Sicherheitsgründen dem Fest fernzubleiben. Doch das kam für mich nicht infrage: «Ich gehe, heute muss ein Baselbieter Regierungsrat in Laufen anwesend sein», sagte ich auch zu den beiden Baselbieter Polizisten, die mich in zivil und unbewaffnet abholten und begleiteten. Ich hielt auch nicht mehr jene Rede, die ich vorbereitet hatte. Spontan sagte ich zum Beispiel: «Am liebsten hätte ich im Angenstein gleich das Schild abmontiert und euch mitgebracht. ‹Willkommen im Baselbiet›!» Riesenapplaus. Im Festzelt in Laufen herrschte eine aufgeputschte, euphorische Stimmung, wie ich sie nie mehr erlebt habe.

Wie waren zu jener Zeit die Baselbieter gegenüber den Laufentalern eingestellt?

Ich empfand die Grundhaltung im Baselbiet als zurückhaltend-positiv, nach dem Motto: «Wenn ihr zu uns kommen wollt, so seid ihr herzlich willkommen, aber wir rennen euch nicht hinterher.» Baselland war damals ein selbstbewusster und relativ starker Kanton. Anders erlebte ich die Stimmung in Basel-Stadt und Solothurn, die anfänglich auch noch im Rennen waren: Die Basler brachten den Laufentalern den Schmus, sie hätten einen Anschluss wohl sehr interessant gefunden. Demgegenüber herrschte in Solothurn eher Panik, dass durch einen Anschluss des Laufentals die Teile nördlich des Juras zu stark werden könnten.

Nach dem 1. Januar 1994 war die Integration des Laufentals in den Kanton Baselland eines Ihrer heikelsten Dossiers. Wie sind Sie an diese Aufgabe gegangen?

Ich habe immer versucht, Verständnis für die Berntreuen aufzubringen. Wenn jemand von der geliebten Mutter weg und bei der Stiefmutter leben muss, dann weckt dies Emotionen. Ich kann mich gut an die ersten Tage im Januar 1994 erinnern: Mitarbeitende des Tiefbauamts bemerkten, dass in Laufen eine Strassenwischmaschine aus Berner Zeiten verschwunden war. Ebenso wanderten im Amtshaus einige Wappenscheiben ab, die später auf wundersame Weise im Historischen Museum in Bern auftauchten. Darüber konnte ich schmunzeln. Als Regierungsrat war für mich das Wichtigste, pragmatische Lösungen mit den Laufentalern zu treffen.

Das heisst?

Die bestehende Motorfahrzeugprüfstation des Laufentals in Wahlen führten wir mehrere Jahre weiter. Es war wichtig, dass die Laufentaler in den Jahren nach dem Kantonswechsel nicht gleich sofort auf lieb gewonnene und bewährte Institutionen verzichten mussten. «Seien wir nicht stur», sagte ich immer wieder zu meinen Regierungsratskollegen und zu Verwaltungsmitarbeitenden. So drückte der Kanton auch beide Augen zu, als wir feststellten, dass Dutzende Laufentaler illegal oder halblegal mit Solothurner Autonummern herumfuhren. Ein anderes Beispiel: In einem Schreiben baten mich die Laufentaler Gemeindepräsidenten, die traditionelle Wehrmännerentlassung nach Berner Tradition weiter im Bezirk durchzuführen. Im Kanton Baselland wurde die Wehrmännerentlassung damals zentral in Liestal durchgeführt. Ich gab den Laufentalern die Zusicherung, dass sicher für die Dauer meiner Amtszeit, die Entlassungsfeier wie bis anhin im Laufental durchgeführt wird – mit Ehrensold und einem Nachtessen, das traditionsgemäss durch die Gemeinden bezahlt wurde. Dies hatte den amüsanten Nebeneffekt, dass diese Lösung für den Kanton Baselland günstiger war.

Wie erlebten Sie die berntreuen Laufentaler nach dem Wechsel?

Die meisten Berntreuen haben sich mit der neuen Situation arrangiert und das rechne ich ihnen hoch an. Die berntreuen Laufentaler im Landrat integrierten sich sofort und politisierten von Beginn weg engagiert und konstruktiv.

Es gab doch sicher auch heikle Situationen.

Durchaus. Wir wollten vor dem Kantonswechsel jede Laufentaler Gemeinde mit einer Baselbieter Götti-Gemeinde zusammenbringen. Aus Roggenburg, das den Wechsel am deutlichsten abgelehnt hatte, hörten wir lange nichts. Bis uns der Gemeinderat doch noch zu einem Treffen einlud. Im Roggenburger «Rössli» wurden die Laufental-Beauftragten Peter Meier, Stephan Mathis und ich nicht gerade freundlich empfangen. Hinzu kam, dass die Presse vom Treffen Wind kriegte und plötzlich ein Fotoreporter im «Rössli» stand. Zum Glück wusste ich, dass der damalige Gemeindepräsident auf der Löwenburg, dem Gutsbetrieb der Merian-Stiftung, tätig war. Ich unterhielt mich mit ihm während des Fotoshootings zuerst einmal von Bauer zu Bauer über die Schweinehaltung. Das entspannte die Situation.

Welche Bilanz ziehen Sie nach 25 Jahren Laufental im Baselbiet?

Im grossen Ganzen war und ist die Integration des Laufental ein Erfolg. Der Kanton Baselland mit seinen vielen, weitverzweigten Tälern muss regionalpolitische Auseinandersetzungen aushalten können. Ich plädiere da aufseiten der alten Baselbieter für etwas mehr Gelassenheit: Wenn sich die Laufentaler aktuell für ihr Spital starkmachen, dann ist das so legitim, wie wenn sich die Gemeinden im Homburgertal für ihr Läufelfingerli einsetzen.