Den Status einer heiligen Kuh haben die Life Sciences innerhalb der Baselbieter FDP verloren. «Angesichts der angespannten finanziellen Situation im Kanton Baselland darf es keine Tabus geben», sagt der Baselbieter Wirtschaftskammerdirektor Christoph Buser zum «Sonntag». Im härter werdenden Sparstreit mit dem Stadtkanton dringen die Baselbieter Freisinnigen schrittweise in sensiblere Gebiete der Partnerschaft vor. 2010 starteten sie den Kampf gegen die Subventionserhöhung ans Basler Theater, 2011 wehrten sie sich gegen das höhere Globalbudget der Fachhochschule Nordwestschweiz und 2012 nun lancieren sie den Angriff auf das neue Biozentrum der Universität Basel – stets im Gleichschritt mit der SVP.

Wenige Stunden nachdem die Regierungen beider Basel identische Vorlagen für ein Darlehen an die Uni Basel publiziert hatten, kündete die FDP-Landratsfraktion mit der SVP via «Regionaljournal» Widerstand gegen das Darlehen für den Neubau des Biozentrums an. Die Regierungen der beiden Basler Halbkantone haben vereinbart, dass sie diesem Vorzeigeprojekt der Life Sciences je ein Bruttodarlehen über 158,2 Millionen Franken gewähren. Dass Baselland gleich viel wie Basel-Stadt bezahlen soll, passt FDP-Fraktionschef Rolf Richterich nicht. Da das Millionen-Projekt auf Basler Boden liegt, sei eine Baselbieter Beteiligung von fünfzig Prozent zu viel.

Regierung will Staatsvertrag zur Uni neu verhandeln

Im Rahmen des Sparpakets prüft die Baselbieter Regierung, den Staatsvertrag zur Uni Basel und somit auch den Verteilschlüssel neu zu verhandeln. «Für die Finanzierung des Biozentrums muss bereits der neue Kostenteiler zur Anwendung kommen», findet Richterich. Die Aushandlung einer neuen Lösung würde das fast 330 Millionen Franken teure Projekt auf dem neuen Campus Schällemätteli verzögern. Das nimmt Richterich in Kauf: «Ich bin abgebrüht genug, um mich nicht unter Zeitdruck setzen zu lassen.»

Die Regierungen beider Basel gehen davon aus, dass die Parlamente die Darlehen im März 2013 bewilligen, wodurch die Baufreigabe bereits im Juni 2013 erfolgen könnte. Gestern hat das Basler Hochbauamt im Kantonsblatt bereits die Arbeiten für den Aushub der Baugrube ausgeschrieben. «Mit solchen Last-Minute-Vorlagen wird uns das Messer an den Hals gesetzt. Das wird der Parlamentsarbeit nicht gerecht», ärgert sich Richterich. Mit seinem forschen Auftritt bei diesem Thema geniesst der FDP-Fraktionschef starken Rückhalt in seiner Partei. Präsidentin Christine Pezzetta wählt dieselben Worte wie Wirtschaftsboss Buser: «Es darf für uns auch im Life-Sciences-Bereich keine Tabus geben.»

Mit ihrem Tabu-Bruch, selbst beim neuen Leuchtturm der wichtigsten Wirtschaftsbranche den Sparhebel anzusetzen, sorgt die Baselbieter FDP in Wirtschaftskreisen für helle Aufregung. Der Basler FDP-Präsident Daniel Stolz ist nach eigener Aussage «entsetzt» über die Aussagen seiner Parteikollegen. Diese würden den Pharma-Cluster leichtsinnig aufs Spiel setzen. Auch Franz Saladin, Direktor der Handelskammer beider Basel und Mitglied der FDP Baselland, ist höchst irritiert: «Das passt eigentlich nicht zu einer FDP.»

Biozentrum nicht infrage gestellt

Flugs zieht er bisher unveröffentlichte Zahlen des Life-Sciences-Barometers hervor, den die Handelskammer jährlich bei BAK Basel in Auftrag gibt. Punkto Ausgaben der öffentlichen Hand für Forschung und Entwicklung im Vergleich zum regionalen Bruttoinlandprodukt fällt Basel gegenüber der Konkurrenz zurück: In Zürich sind die Ausgaben 2011 fast doppelt (Faktor 1,75) und im Bassin Lémanique mehr als doppelt so hoch (Faktor 2,25) wie in der Region Basel. Damit liegt das Bassin Lémanique in einem internationalen Vergleich an der Spitze, Zürich auf Rang drei und die Pharma-Stadt Basel folgt auf Rang zehn.

Doch auch die Führung der Baselbieter FDP betont unermüdlich, dass sie das Biozentrum keineswegs infrage stelle. Sie kritisiere nur die Aufteilung der Kosten. Falls sie mit ihrem Anliegen eine Mehrheit fände, würde sie damit aber dennoch das gesamte Projekt gefährden, warnt der Basler Erziehungsdirektor Christoph Eymann (LDP). Einen neuen Verteilschlüssel auszuhandeln, kann er sich nicht vorstellen: «Wieso sollten wir mehr zahlen, solange mehr Studierende aus Baselland als Basel-Stadt stammen?» Um einen neuen Verteilschlüssel zu erzwingen, müsste das Baselbiet den Uni-Staatsvertrag, den das Baselbieter Stimmvolk 2007 mit 85 Prozent Ja-Stimmen angenommen hat, neu verhandeln. Dieser ist frühestens auf 2017 kündbar. Bei einer jahrelangen Verzögerung des Biozentrum-Neubaus sieht Eymann schwarz: «Das wäre der Abschied vom Schwerpunkt Life Sciences, dem wir unseren Lebensstandard verdanken.»

Auch im Landrat werden FDP und SVP mit ihren kühnen Forderungen auf Granit beissen. Denn von den Mitte-Parteien erhalten sie gemäss deren Fraktionspräsidenten keinerlei Unterstützung. «Der Verteilschlüssel ist partnerschaftlich ausgehandelt. Ändern wir diesen, sind wir kein verlässlicher Partner mehr», betont Felix Keller (CVP/EVP). «Mit dieser Forderung wird nur Geschirr zerschlagen», stimmt Hans Furer (GLP/BDP) zu.

Eines hat die Baselbieter FDP aber erreicht: Sie hat ihre Distanz zum Stadtkanton markiert. Ein Vorgeschmack auf die emotionale Fusionsdebatte.