Am Binninger Kronenplatz stehen die Gymnasialschüler Schlange. Bevor der 61er-Bus Richtung Oberwil heranfährt, dreht sich das Gespräch einer Schülergruppe um die Motivation nach den Sommerferien. «Meine Motivation ist das nächste Wochenende», sagt eine Schülerin und erntet für ihren Spruch die Lacher der Kollegen. Während die Oberwiler Acker vorbeiziehen, werfen ein paar Schülerinnen einen letzten Blick auf den Whatsapp-Klassenchat. Drei Jungs thematisieren nun den missratenen Saisonauftakt des FC Basel und bewerten die Arbeit von Sportchef Marco Streller über die Sommermonate hinweg.

So schnell sich der Bus füllte, so rasch ist er am Hoheweg in Oberwil wieder leer. Der Schülerstrom bewegt sich zum Gymnasium, welches der Kanton 1972 auf der grünen Wiese erbaute. Damals startete der Schulbetrieb mit 148 Schülerinnen und Schülern – heute bildet das Gymnasium Oberwil knapp 1000 Gymnasiasten aus. Vor rund zehn Jahren sanierte und erweiterte der Kanton das Schulhaus.

Zum Schulanfang ist hoher Besuch zugegen: Im zweiten Stockwerk nutzt Regierungsrätin Monica Gschwind den ersten Schultag, um zu den Fördermassnahmen im Mint-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) Bilanz zu ziehen.

Aufstrebende Naturwissenschaften

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, werden seit dem Lehrplan 21 die sogenannten Mint-Fächer gefördert. Im Kanton Baselland beginnt die Förderung in der Primarschule mit einer spielerischen Annäherung: Wieso fliegt der Ball und weshalb braucht es mehr Kraft, um einen Medizinball zu werfen? Auf der Sekundarstufe bietet der Kanton seit letztem Schuljahr ein Mint-Wahlpflichtfach an.

Im ersten Jahr wählte rund die Hälfte aller Sekundarschüler das Fach – die Quote bleibt im angebrochenen Schuljahr auf demselben Niveau. Auf gymnasialer Ebene widerspiegelt sich die Mint-Förderung bei der Schwerpunktfachwahl. Entschied sich vor zehn Jahren noch knapp ein Viertel aller Maturanden für die Naturwissenschaften, ist es heute über ein Drittel. Der Wandel ist auf die Schwerpunktwahl der Frauen zurückzuführen: Unter ihnen ist Biologie und Chemie momentan der beliebteste Schwerpunkt. Die Schülerinnenzahl in den naturwissenschaftlichen Schwerpunkten wuchs in der vergangenen Dekade auf Kosten von Spanisch und Latein stark an. Wie Rektor Marc Rohner sagt, sind Frauen in Biologie- und Chemie-Klassen heute in der Mehrzahl.

Im dritten Stockwerk des Gymnasiums, wo Thomas Abel im weissen Kittel die Tür zu seinem Chemie-Zimmer aufzieht, gilt dieses Verhältnis nicht. Mehrheitlich Schüler haben sich für das Ergänzungsfach Chemie mit dem Titel: «Farben – Düfte – Drogen» eingeschrieben. Abel verfärbt den mit Brom vermischten Tomatensaft. Der Chemielehrer gewinnt die Schüler am ersten Schultag mit farbgewaltigen Experimenten gleich für sich. Und auch Regierungsrätin Gschwind sagt hinterher: «Ich möchte gerne auch nochmals von vorne beginnen.» Die Bildungsdirektorin darf sich im Chemieunterricht gleich selbst versuchen und Stifte im Dämmerlicht ihren Farbtönen entsprechend einordnen.

Mint-Förderung in Oberwil

«Das Schöne an einem Gymnasium ist, dass wir die Neugier unserer Schülerinnen und Schüler nach Wissen fast unbegrenzt fördern können», sagt Rektor Rohner. Ende der 1990er-Jahre durchlief der Baselbieter das Gymnasium, das er heute leitet. Rena Schenke aus Therwil und Valentin Baumann aus Bottmingen sind zwei Schüler, die an der Mint-Förderung gewachsen sind. Schenke schrieb sich zunächst für das Schwerpunktfach Latein ein, entdeckte dann aber im Austausch ihre Passion für Chemie und Biologie. Sie schwenkte um und besucht in ihrem zweiten Gymnasium-Jahr eine Englisch-Immersionsklasse. Baumann steht vor dem letzten Maturjahr. Einen Fuss hat der hochbegabte Schüler bereits an der Uni. In einem Schulstudium besuchte er an der Uni Basel bereits eine Ringvorlesung zu Nanowissenschaften. Für seine Maturaarbeit forschte er im Sommer zur Stabilität von Proteinen.

Am frühen Morgen hatten die älteren Jahrgänge mit dem traditionellen Streich für Chaos gesorgt, indem sie die Zimmerschilder austauschten. Jetzt führen sie die neueingetretenen Gymnasiasten über das Areal. Im Oberwiler Gymnasium kehrt nach aufregendem Auftakt Ordnung ein. Der Alltags-Rhythmus stellt sich ein.